Dezember-Kolumne

1. Dezember 2021

Berlin 2021: Ein Wintermärchen

Oder: Die Schlüsselübergabe an den Staat

In jedem Jahr sind November bis März die Monate niedriger Besucherzahlen in touristisch attraktiven und gut erreichbaren Städten. Die Besuche von Menschen fallen um bis zu 80% ab, auch die Besuche von Attraktionen, Restaurants oder Sehenswürdigkeiten. Berlin hat im Gegensatz zu anderen Städten in den letzten 15 Jahren zusätzliche Aktionsfelder erschlossen: erstklassige Sportvereine, große Neubauten für Kunst und Kultur, die Professionalisierung der Gastronomie und der Unternehmen und eine zunehmend internationale, junge Bevölkerung sind ein weiteres „Plus“.

Der Status in Berlin

Der Berliner ist folglich verwöhnt. Das hat auch Tradition: in den 1920er-Jahren herrschte hier die Freiheit einer aufstrebenden Industriestadt mit vier Millionen Einwohnern. Trotz einiger sozialer Probleme vibrierte die Stadt vor Vitalität. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges entstand ein subventioniertes Berlin auf seinem „Bein West“ und dem „Bein Ost“. Man musste sich nicht sehr weit vom Sofa erheben, um Kunst, Kultur oder Sport zu erleben. Deshalb kam mit der hohen Arbeitslosigkeit in den 1990er-Jahren eine gewisse Gleichgültigkeit auf. Fußball, mehrere Opernhäuser bis hin zu hunderten Clubs sorgten für innerstädtischen Spontan-Tourismus. Handball, Volleyball, Eishockey und natürlich Basketball boten in 2.000 Sportvereinen (heute 2.500) so viele Möglichkeiten des Vergnügens, dass echte Zweitklassigkeit für den Berliner gar nicht in Frage kam, war man nicht eingefleischter Fan. Inzwischen ist gut die Hälfte der Berliner Bevölkerung durch den demografischen Wandel ausgetauscht.

Was haben wir also heute? 147 Museen und 391 Ausstellungen boten sich 2019 feil. Gute 14.000 gute Menschen lebten hier gut von Musik, organisiert von fast 250 Clubs und 10 Orchestern und zwei Konzerthäusern sowie 1.450 Musikunternehmen. Bei rund 10.000 Restaurants hat man eine opulente Auswahl. Viele rein vegane Restaurants, vorwiegend in Prenzlauer Berg und in Friedrichshain, haben inzwischen Konjunktur.

Noch nie waren so viele junge Studierende (200.000) in Berlin gemeldet. Sie drücken das Durchschnittsalter in dieser Stadt auf 42 Jahre herab.

Konstanter Gründerverfall

Und wie ist es heute? Wer lebt noch in Berlin mit der Idee, etwas Positives hinzuzufügen? Schauen wir uns die Gründerzahlen an: sie haben sich in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren fast halbiert. Die Quote liegt bei nur 1%, die meisten Gründer sind männlich. Die meisten Gewerbeanmeldungen fallen auf den Bezirk Mitte (gut 15%). Auch in Berlin ist die Anzahl der Neugründungen auf dem niedrigsten Stand seit 2010 – trotz der Anziehungskraft von Berlin auf viele Start-Ups. Dabei ist Berlin wohl die einzige Hauptstadt Europas, wo sich das Hauptstadt-Privileg negativ auf das BIP-pro-Kopf auswirkt.

Wie kann das sein? Warum also gründen immer weniger Menschen in Deutschland als Motoren der gesellschaftlichen Entwicklung ein Unternehmen? Weshalb besuchen immer weniger Berliner die Sehenswürdigkeiten Berlins, obwohl immer mehr Menschen in Berlin leben?

Politiker im Abseits

Schauen wir uns zuallererst die Politiker an, die unseren Stadtstaat lenken sollen: Es reicht zur Qualifizierung als Politiker in Berlin aus, Politologie oder Philosophie studiert zu haben und trotz fehlender fachlicher Berufserfahrung, dennoch als Senatsmitglied eine fast vier Millionen Einwohner zählende Stadt zu lenken. Das ist so, als würde man sich als Gastronom bezeichnen, weil man ab und an in einem Restaurant zu speisen pflegt. Der Start der ampeligen Bundeskoalition vor wenigen Tagen lässt zwar bereits an den Personalentscheidungen der Parteien zweifeln, aber auch unsere Parteien haben immer Recht, wenn sie einen fachgebietlich qualifizierten Biologen für einen Soziologen als Bundesagrarminister zurücksetzen. Auch viele Senatoren sind nicht erste Wahl hinsichtlich Qualifikation. Gemeinsam mit dem Wähler erwerben sie sowohl Berufs-, als auch Erfahrungen in ihrem Verantwortungsbereich. Farbe geht vor Inhalt. Mit nur jeweils fünf Jahren Lern- und Übungszeit wird es deshalb schwer, in dieser Stadt im Rahmen der Naturgesetze und Realitäten etwas zu schaffen. Leichter ist es, etwas zu verhindern. Also: wie „gestaltet“ die Politik den Lauf der nächsten 5 Jahre? Wie motiviert man zu Aktivitäten? In Berlin hat man nur einen Verbotskatalog. Frei nach der aktuellen Parole: „Verbote führen zu Innovation“. Logischerweise nur zu Innovationen auf Umwegen.

Verbotsmanagement

Das ist allerdings etwas ganz Neues. Die pädagogische Berliner Verbotspolitik denkt sich zunächst allerlei Ablenkungspreise aus, um zu dissimulieren, dass Unternehmen im Rahmen der Politik-Vorstellungen einer ideellen, realitätsfernen Politik unterworfen werden sollen. Dazu werden Ehrenpreise, Bezirkstaler, Bürgermedaillen, Preise für Demokratie und Zivilcourage, Frauenpreise, Demokratieverdienstkreuze, Inklusionspreise, Integrationspreise, Unternehmerpreise, Kulturpreise usw. gestiftet. Zusätzlich werden in Krisen wie der aktuellen beispielsweise Clubs durch Geld(druck)zahlungen ruhiggestellt. Und dennoch:

Auf dem Parkplatz vor dem Schloss Charlottenburg ist wegen des Berliner Alkoholverbots auf Grünflächen kein Weihnachtsmarkt aufgebaut worden. Weil die Fahrrad-Infrastruktur der Stadt nicht gefährdet werden darf, ist grundsätzlich auch jede Veranstaltung auf dem Nollendorfplatz vor dem Metropol-Theater verboten worden: dort befinden sich empfindliche E-Bike-Ladestationen. Aber wie können nun diese Verbote umgangen werden und zu Kreativität führen? Die Verbote sind so zahlreich und lassen trotzdem weder einen inneren Zusammenhang noch einen Gesamtkontext des Verbotswesens erkennen. Die Summe aller Verbote erlaubt nicht einmal Rückschlüsse auf künftige Verbotspläne des Landes. Man kann ihnen nicht einmal gehorsam vorauseilen als Unternehmer. Man entdeckt zu den Verboten zunehmend viele kollaterale oder „Neben“-Wirkungen, die seitens der Verbietenden gar nicht beabsichtigt gewesen sein müssen: Tätigkeitsverbote für ganze Branchenzweige, Verbote der Beschäftigung von Ungeimpften, Zugangsverbote trotz nachgewiesener (getesteter) Gesundheit, und – was man nicht zu glauben wagt – stundenlange Wartezeiten bei den Kindernotaufnahmen der staatlichen Krankenhäuser (nicht Covid19-bedingt) sowie die Erstürmung von ausnahmsweise erlaubten Veranstaltungen, die das Zeitlimit um mehr als eine Minute überschreiten.

Berliner Angebot

Obwohl das Berliner Angebot nach wie vor hoch ist, erfreuen sich gut 65% der Einrichtungen mit weniger als 100 Gästen am Tag. Nur 40% der Club-Besucher gehen öfter als einmal im Monat in einen Club. Wer an einem Montag morgen durch Friedrichshain joggt (und zwar angefangen mit dem RAW-Gelände, das gut 500 Meter lang ist, über das Berghain zum Ostbahnhof an der East Side Gallery über die Oberbaumbrücke am Wrangelkiez vorbei und am Treptower Park zurück über die Elsenbrücke an den Clubs des Osthafens vorbei), sieht dort immer noch Leben und Bewegung. Meist sprechen die Schwärmer spanisch, englisch oder französisch – kein Wunder. Fast eine halbe Million Bewohner Berlins sind Europäer anderer Länder. Wenn uns unsere internationalen Stadtbewohner noch am Leben halten, wie aktivieren wir nun die „Alt-Berliner“ für die Sehenswürdigkeiten der Stadt? Das wäre doch eine Winter-Herausforderung, sofern nicht entgegen dem Versprechen vor der Wahl abermals ein hilfloser Lockdown erzwungen wird. Schließlich hat es die Exekutive im Sommer routinemäßig versäumt, die Bevölkerung vor der Ansteckungsgefahr im Winter zu schützen. Außerdem hat man es unterlassen, in den letzten zwei Jahre die Krankenhaus-Infrastruktur zu verbessern. Hier regiert eine Diplom-Mathematikerin das Gesundheitsresort. Aktuell ist ihre Corona-Politik auf bürgerkriegsnahe Zustände ausgerichtet. Aber was dann?

Spirituelles Flair

Ist Berlin auch in der kalten Jahreszeit eine Reise wert? Ja, wenn man weiß, was man machen kann, dann „ja“. Wannsee ist beispielsweise zu kalt für manche, die es heiß mögen. Alles hat inzwischen auch etwas spirituelles Flair der 1920er-Jahre bekommen, wo es in Amerika die Prohibition gab. Illegale Spielhöllen von Al Capone müssen damals trotz staatlicher Verbote ein gutes Geschäft gewesen sein. Und nun Prohibition von coronisierten Treffen: Konspiration macht das Clubleben heißer. Im vorderen Raum nur geimpfte Gangster im Anzug mit Maske und auf Abstand, im hinteren Raum hinter schallsicheren Türen heiße Rhythmen für das lustige Volk. Wirklich, für die Zürcher Jugend ist Berlin eine Reise wert. Zürich gilt nur als halb so lustig wie der Wiener Zentralfriedhof.

Berlin ist wegen des Ernstes seiner „Alt-Bevölkerung“ nie eine Hochburg des Karnevals oder des Faschings geworden (sagt man so). Nur kommt aber darauf an, wie man die närrische Zeit definiert. Für den unkundigen Berliner sind Fasching und Karneval Jacke wie Hose. Aber zwischen Fasching und Karneval gibt es Unterschiede: In München (Fasching) findet „normal“ jeden Abend ein Ball statt, von „Der Amtsschimmel tanzt“ (Behörden- und Beamtenball) bis zu den berühmten Künstlerfesten. Das alles ist heute von Söder verboten. Warum: Katastrophenalarm, denn der Typ ist Franke (Beute-Bayer) und Protestant. Es könnten also auch Bayern aus Altbayern Berlin dank fränkischer Verbote entdecken. Maskierung ist Ehrensache, wenigstens Piratenlook mit Augenklappe. Die Cluböffnung orientiert sich an den Ankunftszeiten der Fernzüge. Was Berlin nicht offiziell haben muss, ist das sogenannte Faschingsprinzenpaar. Aber das hat Berlin immer: Bei uns in Berlin ist auf politischer Ebene immer Fasching.

Unterstellt, die Berliner Wahlen vom September 2021 (oder war es 1921?) seien doch gültig, wäre unsere Faschingsprinzessin Franziska I. und unsere Faschingskaiserin, Angela die Aufmerkelige, ein nur für die Faschingszeit geeintes Paar. Was diese in ihren Rollen nicht so alles anordnen: Masken im Freien. Natürlich: Der Karneval von Venedig hat es auch so. Gruppensex? Natürlich nicht. In welchen Haushalten leben heute noch ganze Gruppen zusammen? G3: Wunderbar! Das, was Berlin wirklich fehlt, ist nicht nur ein funktionierender Flughafen, sondern eine Technik, die die Holländer schon haben: dass man nach 20.00 Uhr zum Beginn der Tagesschau und zur politischen Befehlsausgabe für den morgigen Tag auch die Bürgersteige hochklappen kann.

Staatlich vergütete Freizeit

Der Berliner müsste doch sehr viel Zeit haben. Noch nie war die Anzahl öffentlich Bediensteter in Berlin so hoch (knapp 300.000 Beschäftigte) wie heute. Trotzdem leben 90% der Berliner in einer zivilen Parallelwelt. Diese Parallelwelterfahrung lässt alle über den Zeitablauf klagen. Wenn man sich als Gründer persönlich mit Wohnsitz anmelden möchte (zwei Monate), ein Transportmittel zulassen will (sieben Wochen), ein gegründetes Unternehmen registrieren und mit Steuernummer versehen lassen will (zehn Wochen), einen Gründerbonus oder ein Fördermittel ausgezahlt bekommen möchte (bis zu einem Jahr) oder gar bauen will (ein Jahr Bearbeitungszeit). Aber was macht der öffentlich Bedienstete nur mit seiner vielen Zeit?

Bis zu 101 Fehl(arbeits-)tage haben beispielsweise Ordnungshüter aus Berlin-Charlottenburg. Für die fast 35.000 Lehrer in Berlin sind durchschnittlich 96 Tage frei (Ferien + Krankheit), wobei sie nur 18,5 Arbeitsstunden pro Woche zu leisten gehabt hätten; bei einem Einstiegsgehalt von über 5.000€/Monat liegt man schon bei mehr als dem Doppelten eines Polizisten oder Krankenpflegers. Kindergärten haben 23 (!) Sonderschließtage pro Jahr. Dennoch bleiben die Berliner*innen zuhause und die übrigen jungen Berliner gründen immer weniger Unternehmen. Man stelle sich vor, was passiert, wenn niemand mehr ein Restaurant betreiben oder eine Ausstellung eröffnen will. Wer trägt dann künftig zur Finanzierung des Apparates bei, der unsere Gesellschaft lenkt?

Direkte Kompetenzträger

Es braucht also direkte Lenkungen der Unternehmer selbst. Entweder man lässt Verbände wie INTOURA mitreden, um nah am Boden der Realität Entscheidungen abzuwägen, oder man steuert einfach ideell weiter wie bisher an den Themen vorbei (siehe Tourismuskonzept 2018+). Der Runde Tisch Tourismus, staatlich organisiert, hat nur Stühle für den Schlaf-Verband Dehoga und andere staatliche GmbHs und öffentliche Einrichtungen aufgestellt. Sie schauen den Unternehmern zu. Dazu könnten gut die Hälfte aller Vorschriften schlichtweg gestrichen werden. Verschiedene Polizeibehörden könnten nach erfolgreicher Digitalisierung abgeschafft werden. Ohne Fremdbestimmung durch die unqualifizierte, inkompetente und oft nur imaginäre politische Exekutive wäre die Motivation zur Gründung wirtschaftlicher Unternehmen erleichtert. Natürlich bedarf es eines verlässlichen Entscheidungsdrucks. Dass das Land Berlin nach dem Volksentscheid zur Enteignung von Wohneigentum weitere Jahre abwarten will, hemmt kollateral auch so manche Instand- und Investitionsplanung. Auch sich ständig ändernde Fahrradstraßen-Ideen wie in der Friedrichstraße führen dazu, dass niemand eine Einzelhandelsfläche gestalten will, wenn er oder sie nicht abschätzen kann, wer die Straße überhaupt und wie nutzen darf. Was für Unternehmer eine Frage der Logik ist, interessiert die Politik und Verwaltung nicht mal am Rande. Auch die rein rechtliche Überprüfung administrativen Handelns oder von zivilrechtlicher Streitigkeit ist bedenklich geworden: jahrelange Prozesse sind hierzulande nicht selten; sehr viele Prozesse dauern schon in der ersten Instanz bereits mehr als 36 Monate. Das Gute an Berlin ist also, dass es sehr viel Potential hat bei so viel gepflegtem und faktischem Dilettantismus.

Konzentration auf Big Points

Will man außerdem so etwas wie Chancengleichheit als seriöse Komponente schaffen, muss die Infrastruktur für Frauen (Kinderbetreuung) und die für Flüchtlinge (kostenfreie Bildung) hergestellt werden. Vielleicht konzentriert sich die Politik besser ein Jahrzehnt lang ausschließlich auf die Big Points der Herausforderungen anstatt auf Preisverleihungen und kleinteilige Minderheitenforderungen. Dazu gehört die Erreichbarkeit jedes Ortes in Berlin und dem Speckgürtel mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die Schaffung von Wohnraum auf den Millionen Quadratmetern öffentlichen Baulands, die Energieinfrastruktur für Sonne und Wind und letztlich auch, dass Gerichte innerhalb kurzer Fristen Streitfragen entscheiden müssen und hierzu auch in die Lage versetzt werden. Nicht die Regulierung der privaten Initiativen und Initiatoren darf Schwerpunkt sein, sondern die Entschlackung des Staates und die Konzentration auf behördliche und gesellschaftliche Infrastruktur. Solange ein Staat seine steuerfinanzierten Infrastrukturaufgaben nicht im Griff hat, darf er einer Gesellschaft den Nährboden nicht durch Regulation entziehen.

Holt also Kompetenz in die Entscheider-Ebenen – das Know-how ist da, die Motivation und der Zugang fehlen. Schauen wir deshalb, ob die neuen Koalitionen denjenigen die Wege freiräumen, etwas zu tun, oder ob wieder nur denjenigen Raum gegeben wird, anderen zu sagen, was sie tun sollen. Dann bleibt Berlin nämlich ein dauerhaftes Karnevalstheater ohne zahlendes Publikum.


Über den Autor: 

Quirin Graf Adelmann v.A. ist Geschäftsführender Gesellschafter der
Muson GmbH und Mitglied im INTOURA e.V.

November-Kolumne

1. November 2021

Die neuen 20er-Jahre in Berlin

Wenn das Kind den Unterschied zwischen Staat und Gesellschaft verkennt

 

Wer schon einmal das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven besucht hat, wird sich an eine gut geführte und spannende Ausstellung erinnern. Besucher bekommen dort am Eingang jeweils eine Figur zugeteilt, die tatsächlich gelebt und Deutschland verlassen hat. Die Geschichte zum Ende des 19. Jahrhunderts wird mit Menschen zum Leben erweckt, die aus wirtschaftlichen Gründen den Neuanfang in Nord-/Südamerika oder Australien unternommen haben oder in den 1930er-Jahren einfach politisch verfolgt wurden. Die Überfahrten waren anfänglich einige Monate lang, unbequem und kosteten viele Menschen das Leben. Dennoch fanden die Auswanderer bzw. Einwanderer bei ihrer Ankunft erstaunlich gut organisierte Empfangsabläufe vor – obwohl die Zahl der Einwanderer im Verhältnis zur Bestandsbevölkerung sehr hoch war. In den USA beispielsweise nahm die Gesamtbevölkerung zwischen 1870 und 1920 um den Faktor 2,5 zu. Eine organisatorische Meisterleistung würde man das heute nennen – ohne Digitalisierungsmöglichkeiten und als Willkommenskultur.

Schaut man sich die touristischen Hotspots an, liegt Miami mit einer Dichte (Anzahl Besucher im Verhältnis zur Einwohnerzahl) von 16,41 im globalen Vergleich vorne (Stand: 2019). Zahlreiche Städte sind weit vor Berlin, so zum Beispiel auch Dublin, München oder Dubai. Alle Flughäfen und Empfangseinrichtungen zeigen jeweilige Willkommenskulturen. Im Vergleich zu Miami hat Berlin weniger als 10% der Besucherdichte.

Wir Berliner haben uns fest vorgenommen, wichtige Menschen für die Zukunft der Stadt als unsere Gäste zum Essen einzuladen. Von diesen Menschen hängt die Weiterentwicklung der Stadt ab. Es sind Personen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Sie sollen am über Jahrzehnte gebauten Multimilliarden-Flughafen BER ankommen und wieder abreisen. Es ist aber wie in jedem gastfreundlichen Lokal, jeder Sehenswürdigkeit oder bei jeder Dienstleistung: Empfang und Verabschiedung sind die wirklich wichtigen Momente, um zu beurteilen, ob etwas funktioniert oder nicht. Wer die Zeitungen des Monats Oktober gelesen hat, stellt fest, dass die katastrophalen organisatorischen (staatlichen) Abläufe im Flughafen als Siegel der Stadt herhalten müssen: Lange Schlangen und verpasste Flüge sind Standard am BER, man sollte zwischendurch fünf Stunden vor Abflug erscheinen. Da fliegt man besser gleich von Leipzig aus. So kommt es auch, dass man als Straßenbahnnutzer neuerdings langsamer durch Berlin fährt als mit dem Bus. Es ist hinsichtlich der Planung und Durchführung wie ein Spiel von Kindern, die auf dem Brett und in Theorie lernen sollen, was geht und was nicht. Kinder haben naturgemäß zwar keinerlei Qualifikation oder Erfahrung, aber was soll`s, immerhin wird es ein lustiges Spiel für Außenstehende. Folgen jetzt wieder ganze vier bis fünf Jahre lang dieser Belustigung?

Jüngst hatte eine junge Abgeordnete, aus deren Listen-Mitte immerhin die neuen Senator/innen entspringen, öffentlich das gesagt, was wohl viele Menschen – und leider gerade die Jungen – denken: sie wolle gar keine berufliche Erfahrung, sondern freue sich, Berufspolitikerin zu sein. Die Kinder also sollen uns Unternehmenden sagen, wie ein Unternehmen funktioniert, und unsere Gesellschaft formen? Dauerhafte Schlechtleistung bleibt dann wohl gesichert.

Die Wahlen zum neuen Abgeordnetenhaus sind vorüber – natürlich wie man es in Berlin kennt: hunderte Wahlbüros hatten nicht genügend oder die falschen Stimmzettel. Es ist nicht einfach, im Einwohnermelderegister nachzusehen, wie viele Wahlberechtigte im jeweiligen Bezirk bzw. Distrikt gemeldet sind und dann die entsprechende Stimmzettelanzahl bereitzuhalten. Der gleichzeitig stattfindende Termin zum Berlin-Marathon war wohl auch überraschend. Wirklich aufgeregt hat sich dennoch niemand. Es ist für Berlin normal, dass nichts funktioniert. Behördentermine dauern hier Wochen, ob für das Automobil oder für sich selbst. Der Staatsdilettantismus auf Dritte-Welt-Niveau ist hier tägliche Übung. Aber wen wundert es: seit Jahrzehnten schafft es die Politik nicht, die grundorganisatorischen Themen eines Miteinanderlebens und die hoheitlichen Kernaufgaben eines steuergeldfressenden Staates in Berlin zu bewältigen. Vielleicht ist es aber auch nur eine politische Strategie, möglichst weltweit dauerhaft belustigenden Content abzuspielen, damit Berlin immer im entsetzten Auge der Online Community im Gespräch bleibt und Schaulustige anzieht.

Die Außeneinwirkungen, die diese Stadt im kommenden Jahrzehnt zu bewältigen hat, sind allerdings von ganz neuer Qualität: der Zuzug von Menschen, die Explosion der Energiepreise, Mobilität, Wettbewerb zu anderen Städten etc. Und jetzt muss man sich doch einmal fragen, wie Gesellschaft und Staat hierauf reagieren:

Der Staat reagiert mit immer hanebücheneren Ausführungsvorschriften und immer langsamerer Verwaltung sowie einer rechtlichen Kontrolle durch Gerichte, die aufgrund langer Prozessdauer keinerlei inhaltliche Bedeutung mehr hat. Wer fünf Jahre auf ein Urteil wartet, gewöhnt sich an das Fehlen einer kontrollierenden Justiz. Das reale Leben geht schließlich weiter. Das eigentlich Irre ist nun aber nicht, dass politische „Entscheider“ selbst nicht qualifiziert oder kompetent sind und auch nicht, dass der politische Nachwuchs sich lieber in den Seilschaftssumpf der Fiktion statt in das real wirkende Leben stürzt, sondern dass der Staat selbst nun private GmbHs gründet, um seine Unternehmenden schleichend auszurotten. Der Grund dafür, dass Exekutive und Legislative überhaupt irgendwas gestalten dürfen, ist der, dass es Private gibt, die erfolgreich Ideen bearbeiten und von ihrem Erfolg etwas abgeben, um Verwaltung und Parlamente finanzieren. Warum also nur ist man mit den Privaten so streng? Oder mehr noch: Warum werden sie bekämpft?

VisitBerlin mit seinen Hunderten Mitarbeiter/innen beispielsweise soll für Berlin als Marketing-Gesellschaft der Stadt aktiv sein und für Berlin werben. Besucher sollen herkommen, ihr Geld hierlassen, Berlin beleben und manche vielleicht davon überzeugen, zu bleiben. Wir haben uns in der Vergangenheit darüber echauffiert, als die Marketing-Idee durch das Tourismus-Konzept 2018+ hin zum pädagogischen Arm der o.a. Kinder umgeschrieben wurde, um in der Stadt der Freiheit die Besucher/-innen schon am Abreiseort zu qualifizieren und deren Wege hier in Berlin zu bestimmen. Inzwischen verkauft VisitBerlin an den Hotspots Berlins im Wettbewerb zu den vielen Herstellern und Händlern selbst immer mehr Souvenirs – beispielsweise als Wettbewerber im Humboldt Forum. Marketing zu betreiben ist sinnvoll, weil jeder einzelne Lobbyverband der Tourismus-, Hotel- und Gastronomie-Unternehmen zu schwach ist, um die Arbeit des internationalen Marketings in ihrer Gänze zu erledigen. Die Besucher lassen hier Geld, die Unternehmen beschäftigen Menschen und entrichten Steuern, um u.a. dieses Marketing zu finanzieren. Das ist der richtige Kreislauf. Diesen Kreislauf zerstört man nun, wenn die Türsteher staatlich unfrei sind und nun selbst Teile der Einnahmequellen übernehmen. Dieses Staatskorsett vernichtet nicht nur die Freiheit, sondern formt unsere Gesellschaft um – nicht zum Guten.

Die besagten Kinder gehen aber in anderen Bereichen noch viel weiter. Man erinnere sich an die Stelen an den Hotspots, die nur für Einrichtungen „nicht-kommerzieller“ Art werben sollen – also für den Staat und staatlich Subventionierte. Man treibt also die Touristen weg von den Steuerzahlern hin zu den Steuermittelverbrauchern. Ist das logisch?

Die Kulturraum Berlin GmbH ist ein weiteres Beispiel dieses Irrsinns. Diese weitere Staats-GmbH soll Kulturräume für Musiker, Maler und andere Künstler schaffen. So weit, so gut. Wir brauchen unbedingt Kreative in dieser Stadt, und diese benötigen auch Schaffensorte, die nicht durch hohe Mieten vernichtet werden. Was macht also diese Staats-GmbH? Sie mietet für einen kurzfristigen Zeitraum von 10 Jahren fremdes Eigentum zu Ausgaben in Millionenhöhe an, statt in einer der vielen leerstehenden Landes-Immobilien Raum zu schaffen. Anschließend vermietet sie diese Räume wiederum unter; zeitlich befristet an professionelle Musiker für weniger als 1€/qm kalt zu absoluten Kaltmieten ab 15€/Raum/Monat. Man kann sagen, sie verschenkt die Räume. Kein(e) Musiker/-in braucht einen Raum zum Preis eines Abendessens. Natürlich versteht Berlin auch hier nicht, dass die Millionen Steuermittel dann für andere soziale Projekte oder Infrastruktur fehlen. Die Kinder wissen es nicht besser und denken, dass Papiergeld einfach (armutsfördernd) gedruckt werden kann. Schlimmer noch: Sie verschenken diese Räume genau gegenüber von zwei privaten Häusern, die seit Jahrzehnten zur vollsten Zufriedenheit mit niedrigen Mieten die gesellschaftliche Aufgabe der Platzsicherung für Kreative vollzogenen haben. Diese müssen aber im Wettbewerb zur Staats-GmbH die Umnutzung überlegen, weil sie nichts für weniger als 1€ finanzieren können – also auch nicht die eigenen Mitarbeiter*Innen. Als privates Unternehmen ist man außerdem gesetzlich zur Gewinnerzielung verpflichtet. Neu geplante Musikerhäuser werden auch nicht mehr umgesetzt im Wettbewerb mit dem Staat.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Berliner Politiker selbst dann Mathematik nicht können, wenn sie vorbereitet vor die Presse treten und meinen, dass 5.000 Euro Corona-Soforthilfe bei gut 170.000 steuerzahlenden Unternehmen in Berlin 100 Millionen Euro ergibt. Schlimm ist es, dass seit Jahrzehnten Vorschriften von der Legislative geschaffen werden, die das Unternehmertum ständig einschränken. Unerträglich ist inzwischen, dass die Judikative quasi wirkungslos geworden ist. Wenn es jetzt aber so weit geht, dass geistige Kinder Staats-GmbHs gründen und Wettbewerb zu privaten Initiativen schaffen, die wiederum Steuern zahlen und von Personen geführt und gestaltet werden, die die Tätigkeit gelernt haben und/oder sie auch durch Berufserfahrung einfach können, dann steht uns zusammen mit den Außeneinwirkungen auf Berlin eine Zeit bevor, vor der jeder Angst haben muss. Insbesondere junge Menschen werden vom Zugang zu Finanzierung ohne Ideologie abgeschnitten und müssen sich hoheitlichen Strukturen unterordnen und warten, bis sie aufgrund von Zugehörigkeit alt genug sind, selbst Verantwortung übernehmen zu dürfen.

Chancengleichheit in unserer Stadt beginnt aber mit der Ermöglichung für alle (gleich welcher Herkunft, Anschauung, Geschlechts und finanziellem Background), unternehmerisch tätig zu werden und unsere Gesellschaft zu formen und den Staat mitzufinanzieren. Wenn der Staat jetzt selbst und ohne Not Unternehmer spielt, dann ist es vorbei mit Chancengleichheit. Das erstickt jede neue Idee und lässt jede Geldquelle unternehmerischen Elans versiegen.


Über den Autor: 

Quirin Graf Adelmann v.A. ist Geschäftsführender Gesellschafter der
Muson GmbH und Mitglied im INTOURA e.V.

Oktober-Kolumne

1. Oktober 2021

Schafft der neue Senat endlich den Perspektiv-Wechsel?

Berlin hat gewählt – wer die Hauptstadt in welcher Konstellation künftig regieren wird, steht zur Stunde jedoch (noch nicht offiziell) fest.

Die mittelständisch geführten touristischen Attraktionen Berlins – unter ihnen nicht nur Anbieter von Stadtrundfahrten per Bus, Schiff o.ä., sondern z.B. auch zahlreiche Museen, Galerien, Ausstellungen und Theater – sind daher aktuell sehr besorgt, wie es künftig wohl mit der touristischen Vermarktung dieser Stadt weitergehen wird. Denn sie alle sind mehr oder minder auf touristisch getriggerte Erlöse angewiesen. Wofür es naturgemäß Touristen braucht…

Als Mitglied im Vorstand von INTOURA sind mir diese Sorgen nicht nur wohlbekannt – als Geschäftsführer des Wintergarten Varietés teile ich sie ausdrücklich, aus einer Reihe von Gründen:

Zwar wird in diesen Tagen sehr viel davon geredet, wie wichtig bessere internationale, vor allem Direkt-Flugverbindungen für das Gästeaufkommen in der Stadt wären, und damit für alle touristischen Anbieter.

Zwar werden mit erheblichem Aufwand aus Corona-Fördertöpfen fette bundesweite Werbekampagnen auf Plakaten und Social Media gefahren. Zwar werden auch die Berliner selbst, wie auch die Potsdamer/Brandenburger, nun zum wiederholten Male animiert, Berlin zu entdecken unter dem inzwischen bundesweit auch in anderen Städten praktizierten Slogan „Erlebe Deine Stadt“. Beides gedacht zum Wohle der Hotellerie, aber auch zahlreicher anderer Anbieter aus Gastronomie, Kultur und Entertainment.

Insgesamt jedoch scheint es ganz allgemein schlicht an einer vernünftig konzipierten, international ausgerichteten Marktforschung zum Thema Berlin-Tourismus zu fehlen.

Und eines der größten Ärgernisse in diesem Zusammenhang ist und bleibt der inzwischen seit Jahrzehnten beharrlich gepflegte Suggestionsversuch, der Berlin-Tourismus werde getragen von der Hotellerie der Stadt. Dies drückt sich erkennbar vor allem in der Kommunikationsstrategie der Verantwortlichen aus, wenn diese gefragt werden, wie es denn um den Berlin-Tourismus stehe.

Da werden stets zu allererst die Übernachtungszahlen der Berlinbesucher referiert – allerdings interessanterweise immer nur die der Übernachtungen in Hotels und Pensionen. Alle die Gäste der Stadt, die privat wohnen oder in Apartments auf Zeit, werden hier gar nicht betrachtet. Obwohl ja auch diese sogar erheblich zur gesamten touristisch getriebenen Brutto-Wertschöpfung der Stadt beitragen.

Und an dieser auf dem einen Auge blinden Fehlsicht des zu betrachtenden Marktsegments orientiert sich eben leider beständig auch die Strategie des Berliner Tourismus-Managements.

Bei allen Überlegungen, bei allen Zielsetzungen, bei allen gefahrenen Strategien wird immer zuvorderst darauf abgestellt, was zu tun ist, damit die Hotellerie gut dabei wegkommt.

Das verwundert natürlich nicht, wenn man weiß, wer zu einem gewichtigen Teil hinter der offiziellen Stadtvermarktungsagentur steht – die Hotellerie.

Bei aller Wertschätzung für diese ihr Geschäft zweifelsfrei exzellent beherrschende Branche – es sollten doch eigentlich bei der Kommunikation über das Thema Berlin-Tourismus endlich viel stärker diejenigen Erwähnung finden, die den Hotels der Stadt die Gäste anlocken, denen diese Häuser dann ein Zimmer vermieten können.

Die Besucher der Stadt, ob „echte“ Touristen, oder aber Kongressteilnehmer, Dienstleister und andere, würden ja nicht in diesen Größenordnungen kommen, wenn die Stadt nicht aus einer Reihe von anderen Gründen einen solchen Magnetismus ausstrahlen würde. Da ist zum einen erstmal die ererbte, weltweit durchaus einmalige Historie – aber eben auch die unschlagbare (und von visitBerlin verbal auch immer hochgepriesene), überbordende kulturelle Vielfalt der Stadt, die diese gleichermaßen attraktiv für Touristen wie auch für die Veranstalter von Städtereisen und Kongressen macht.

Nicht nur die Kommunikation sollte in dieser Hinsicht angepasst und neu ausgerichtet werden – auch und insbesondere die gesamte Strategie muss sich künftig viel mehr daran orientieren.

Und dazu gehört ganz elementar auch die Entscheidung darüber, welche Ressourcen wofür bereitgestellt und eingesetzt werden, welche Energien auf welche Felder und auf welche Kommunikationsaktivitäten geleitet werden. Und wer an diesen Entscheidungen mitwirkt.

Hier braucht es ganz klar einen deutlichen, längst überfälligen Perspektiv- und Paradigmenwechsel seitens der Verantwortlichen für das Tourismus-Management der Stadt:

Weg von der einseitigen Verhätschelung derjenigen, die erst ganz am Ende der Wertschöpfungskette profitieren von den Aktivitäten, vom unternehmerischen Mut und der Kreativität derjenigen, die zuvor den Boden eben auch genau dafür überhaupt erst bereitet haben.

Warum also eigentlich nicht endlich einmal hin zu einer neu gedachten Unterstützung aus dem Tourismus-Budget für all diejenigen Institutionen, die die Reusen erst füllen, aus denen dann die Übernachtungsgäste purzeln?

Dies erschiene umso wichtiger und gerechtfertigter angesichts der beschämenden Tatsache, dass eine ganze Reihe dieser touristischen Leistungsträger aus den diversen Unterstützungstöpfen des Senats traditionell bisher kaum einen Cent erhalten.

Nicht einmal die Gelder aus der City Tax – die doch ausschließlich von den Besuchern der Stadt aufgebracht wird – fließen in nennenswerter, nachvollziehbarer Größenordnung zurück zu den touristischen Leistungsträgern.

Obwohl doch diese Branche – zusammen mit allen, die ihr mehr oder weniger direkt zuarbeiten – unbestritten einen ganz erheblichen Beitrag zur Gesamtwertschöpfung Berlins leistet.

Dabei muss es gar nicht unbedingt zuerst um eine Wertschätzung gehen, die sich auch in finanziellen Hilfen ausdrückt. Auch ohne Geld in die Hand zu nehmen, kann etwas für die mittelständischen touristischen Anbieter getan werden. Weniger Behinderung durch unsinnige bürokratische Rahmenbedingungen wäre beispielsweise schon sehr hilfreich. Vor allem aber würde eine bessere Einbindung der Akteure in Planung, Steuerung und Finanzierungskonzept des Berliner Tourismus-Managements helfen. Eine größere Rolle eben, noch deutlich mehr Lautstärke bei der Kommunikation.

Es braucht also unbedingt das Bewusstsein für die Sinnhaftigkeit einer zweiten Ebene, auf der diese Institutionen ernst genommen, wirksam in Entscheidungsprozesse und strategische Weichenstellungen eingebunden, ernsthaft unterstützt und gefördert werden – damit sie nicht vielleicht morgen oder übermorgen von der so attraktiven Erlebnis-Bildfläche Berlins verschwinden und die Strahlkraft Berlins Schaden nimmt.

Denn dann wäre das Geschrei sicherlich groß. Und, wer weiß – womöglich kämen ein paar weniger Gäste nach Berlin, um die Betten der Hotels zu füllen (und die anderen natürlich auch).

Daher sollte der Fokus im öffentlichen Diskurs über den Berlin-Tourismus unbedingt – und unbedingt sehr rasch – vom einseitigen, scheuklappenartigen Starren auf die Übernachtungszahlen verlagert werden auf das, was wirklich zählt:

Auf eine erheblich zu verbessernde politische wie kommunikatorische, u.U. auch fiskalische Unterstützung all der Magneten des Berlin-Tourismus – beispielsweise, wie erwähnt, aus der City-Tax (aber auch die Bereitstellung anderer Haushaltspositionen muss ideologiefrei geprüft werden).

Auf die in den bisherigen Betrachtungen stets unterschlagene Bedeutung der touristischen Leistungsträger für die touristische Gesamt-Wertschöpfung Berlins – zu der doch zweifellos auch die mehr als beachtenswerten Effekte des Tagestourismus gehören, wie überhaupt die gesamte Umwegrendite, die das Gesamt-Spending der Gäste erzeugt. Und zwar nicht nur zum hart erarbeiteten Vorteil der diversen tagestouristischen Anbieter-Magneten selbst, ob Museen, Theater, Kinos, Stadtrundfahrtenanbieter, Zoo/Tierpark etc. – sondern eben auch zum Wohle vieler anderer Branchen und Anbieter, die mittelbar ebenfalls von der Kaufkraft der Tagestouristen profitieren.

Die nicht zuletzt wiederum die Steuereinnahmen mehrt.

In der Betrachtung des Berlin-Tourismus (fast) alles immer nur an den Übernachtungszahlen festzumachen, immer nur am Wohl und Wehe der Hotellerie – das ist einfach so klar zu kurz gesprungen, dass es endlich beendet werden muss.

In welcher Konstellation auch immer der künftige Senat die Hauptstadt in den kommenden Jahren regieren wird – er sollte sich diesem Perspektivenwechsel nicht verschließen.

Sondern endlich das Überfällige tun:

Die mittelständischen Attraktionen, die den Löwenanteil der Gäste maßgeblich erst für den Berlin-Besuch motivieren, müssen nicht nur als selbstverständlicher, ständiger Gesprächspartner akzeptiert werden. Sondern vor allem vom neuen Senat endlich auch in sämtliche Weichenstellungen und Entscheidungsfindungen einbezogen werden – gleichberechtigt und auf Augenhöhe mit Hotellerie/Gastronomie, Kongresswesen, Einzelhandel und Club-Szene.


Über den Autor:

Georg Strecker ist Geschäftsführer des Wintergarten Varieté und Vorstandsmitglied im INTOURA e.V.

September-Kolumne

1. September 2021

Wahlen 2021 für Bund und Berlin

Dämonen der Mittelmäßigkeit

Die Wahlen stehen kurz bevor. Vielleicht lohnt es sich dieses Mal, ein wenig nachzudenken. Es ist zwar allgemein bekannt, dass Wahlversprechen in den seltensten Fällen eingehalten werden. Überlegen wir aber, was „allgemeine Wahlen“ eigentlich bedeuten: Die Allgemeinheit wählt für ihre allgemeinen Belange den Bundestag. Dieser hat, nebenbei erwähnt, das Maximum an Abgeordneten aller Zeiten erreicht. Er ist mit der Zahl seiner Abgeordneten nach China weltweit die personelle Nummer 2. Im Widerspruch dazu stehen die Fakten, nämlich dass der politische Spielraum der gewählten Regierung ein eng begrenztes Feld ist: finanziell von Haus aus, außer Haus durch das EU-Recht abgesteckt und geopolitisch auf die Grenzen des Schattens der USA vergattert. Das gilt für alle Farbkonstellationen von schwarz, grün, rot und rosarot bis gelb – und selbst für blau. Kann man sich deshalb den Gang zur Urne sparen und warten, wie Otto Normalverbrauchswähler entscheiden wird? Keine Partei in Berlin wird Alleinherrscherin werden; die Wahlprogramme werden deshalb reine Verhandlungsmasse unter den Parteibrüdern sein und in verwässerten Kompromissen aufgehen.

Das touristische Farbkarussell der Wahlen 2021

Jede Partei hält ihr Wahlprogramm für das Beste. Die einzelnen Punkte seien unverzichtbar für die Zukunft Berlins nach Vorstellung ihrer politisch bestimmten Listenrepräsentanten. Im Detail betrachtet können aber Kollateralschäden entstehen. Aufwendig umgebaute Elektrobusse kommen vielleicht nicht mehr bis Berlin, die Trabbi-Safari könnte ihre Gefährte zu Fahrrädern umbauen müssen. Ein verkehrsberuhigter Kudamm mit drei Metern Abstandsgebot hat nicht mehr die international beliebte Atmosphäre einer Metropole. Damit beginnt das Interesse der steuerzahlenden Unternehmenden und ihrer Teams am Personenkreis, der sich diesmal wählen lassen will. Schauen wir uns als Unternehmer im Bereich Touristik und Hospitalität an, was die Wahlprogramme für den Berliner Tourismus aussagen. Wir beginnen ganz links:

Links für Arbeitsschutz als Tourismusschwerpunkt

Wir setzen uns dafür ein, dass bei der Tourismusförderung auch gute Arbeitsbedingungen als Kriterium berücksichtigt werden …“ Der Tourist wird ein wenig in unsere Arbeitskämpfe miteinbezogen. Ein gewisses Museum sollte deshalb nicht besucht werden, weil die Aufseher acht Stunden bei nur 15 Minuten Mittagspause durcharbeiten müssen. Egal, was das Museum zeigt, der Tourist soll in ein Museum gehen, das nur sechs Stunden geöffnet ist. Neben der Liste der Eintrittspreise muss der Direktor künftig auch die Lohnlisten aushängen, damit der Tourist erkennt, was für eine Art von Zuchthaus er betritt – insbesondere bei den Kleinstbetrieben, wo die Arbeitsbedingungen besonders schlecht sein sollen.

Und natürlich bedarf es für die Linke eines Tourismus ohne Begleiterscheinungen. Was sind Begleiterscheinungen?

„Begleiterscheinungen sind vor allem die Innenstadtbezirke stark belastende Bier-Bikes und Reisebusse auf den Straßen, Rollkoffer- und Partylärm, Verdrängung von Geschäften und Gewerbe in gewachsenen Kiezen durch auf den Tourismus ausgerichtete gewerbliche Monostrukturen sowie Verlust von Wohnraum durch Anbieter wie Airbnb.“

Oh je: Rollkofferlärm! Der Tourist muss seinen Koffer tragen, weil Berlins Pflaster nicht schallgedämpft sind. Oder er übernachtet in Bahnhofsnähe. Ab nach Wannsee und Zehlendorf mit dem Reisevölkchen. Die Partei hat angeblich bereits „gemeinsam mit den Bezirken, mit betroffenen Anwohner:innen sowie mit der Tourismuswirtschaft das Tourismuskonzept 2018+ entwickelt, fortgeschrieben und weiterentwickelt“.

Im Gegensatz zum Privattourismus will man den beruflichen Besuch von Berlin fördern und wiederbeleben.

Wem das zu links ist, der kann das auch in Grün haben, denn hier wird mehr auf den Privattourismus gesetzt:

Grün reguliert und lenkt den Touristen ins touristische Abseits:

Clublandschaften, die Museen und Galerien, die Flaniermeilen und Flohmärkte sowie das gastronomische und kulturelle Angebot dürfen bleiben, „doch ein ‘Weiter so‘ wie bisher kann es in Berlin nicht geben. Ökologische Hotels müssen stärker unterstützt werden. Tourismus bemessen wir nicht anhand von immer höheren Besucherrekorden, sondern bedeutet für uns auch eine aktive Stadtentwicklungspolitik, die lenkt und gestaltet.

Heißt das, der Besucher soll in Berlin wohnen bleiben? Gut, immerhin keine Abschiebungen von Touristen. Aber lässt sich jeder Tourist in das zwangserrichtete Umwelt-Hotel in Berlin-Lichtenrade abwerben? Mit diesem Gedanken könnte es Ingolstadt gelingen, durch hippe Neubaubüros Start-ups von München und Berlin in die oberbayerische Provinz zu holen. Jedenfalls muss man künftig wohl nachweisen, sich vier Stunden in Randbezirken aufgehalten zu haben, um eine Stunde ins Stadtzentrum zu dürfen.

SPD mit Verständnisproblemen

Wir nähern uns endlich der Mitte: zunächst die Mitte links, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD). Sie hat einen Widerspruch entdeckt zwischen Tourismusförderung und Erhalt der Weltoffenheit. Denn „aufgrund der Corona-Pandemie konnten nur wenige Menschen aus anderen Ländern und Kontinenten unsere Stadt besuchen“; sie, die „Sozis“, wollen Berlin wieder zum Magneten für Menschen aus ganz Deutschland, aus Europa und der Welt machen. Corona und Tourismus? Wird besser nicht erläutert, denn dem steht das eigene Gesundheitsprogramm im Wege. Die Partei führt etwas unlogisch und in schlechtem Deutsch aus, eine breite Werbekampagne für Berlin starten zu wollen. Logischerweise müsse sich die „Akzeptanzkampagne“ gezielt an die Einheimischen (Berliner) richten und könne die Nicht-Berliner Gäste kaum berühren. Vielleicht meint die gute alte Tante SPD aber auch, sie wolle Berlin für die Welt akzeptabel machen, womit wir eher bei der allgemeinen Politik wären, die nach dem Austritt Englands aus der EU, nach der Distanzierung von den USA und nach dem Schlingern der deutsch-französischen Achse inzwischen vonnöten sein könnte.

Aber man tut den Sozis Unrecht. Ganz konkret planen sie, den Flughafen Willy Brandt (BER) weiter (zu) ertüchtigen und für (s)eine noch bessere Anbindung an die Stadt durch den Ausbau der U 7 (zu) arbeiten. Das internationale Langstreckenangebot vom und zum BER wollen die Sozis erweitern, auch um zusätzliche innerdeutsche Kurzstreckenflüge – etwa von Messe- oder Veranstaltungsbesuchern und internationalen Touristen – zu minimieren.

Das versteht man nun, pragmatisch gesehen, gar nicht. Was hat die Erweiterung des Langstreckenangebots mit der Minimierung innerdeutscher Kurzstreckenflüge zu tun? Das ist politische Lyrik. Man könnte diese in dem Sinn verstehen, dass man von Hannover aus erst nach New York fliegen soll und von dort als Ferntourist in der Bundeshauptstadt landen darf?

Der Rest ist Werbung, Werbung, Werbung, auch für eine dezentrale Kulturszene, was immer das heißen mag. Aber hier wird die ganz alte Kundschaft von Tante SPD angesprochen, die man natürlich nicht vergessen hat.

Liberale Freiheit mit Polizeikontrolle und regulierten Kritzelwänden

Die liberalen Herrschaften namens FDP identifizieren Freiheit mit Berlin (das war vor 30 Jahren aktuell). Wie „Karlsruhe“ den Begriff von „Recht“ lokalisiert, soll Berlin Locus Libertatis werden. Man will dazu erlebnisbasierte Bereiche schaffen und gleichzeitig Polizei und Ordnungshüter darüber wachen lassen! Also Freiheit mit Polizeipräsenz? Natürlich nicht zur Überwachung der Freiheit, sondern ausschließlich zu deren Schutz. Außerdem sollen Gedenktafeln über QR-Codes übersetzt angeboten werden. Offenbar hat die FDP digitale Ideen verpasst, denn Übersetzungen sind bereits online erhältlich und Touristen bewegen sich mit mobilen Endgeräten, die das existierende Netz unserer Mobilfunkbetreiber nutzen. Oder anders ausgedrückt: Hätten sie geschwiegen, wären sie Wirtschaftsweise geblieben. Problem wird hier werden, dass alle Menschen die Informationen auch in einer Art „Home-Tourismus“ abrufen können. Der Rest des freiheitlichen Tourismusprogramms ist dann eher Kunst und Kultur.

CDU ohne Orientierung

Endlich kommen wir nun zu den Leuten, denen wir seit 16 Jahren den gegenwärtigen Ist-Zustand der Gesamtlage verdanken. Es geht bei der CDU in erster Linie um „Bundes-Wahlen“, so dass das Geplänkel auf Landesebene eine untergeordnete Rolle spielt, auch wenn die Rot-Rot-Grünen mit ihren Radwegen und Fußgängerzonen Fakten schaffen. Was also plant die Christlich Demokratische Union (CDU) von ganz weit oben her? Es ist:

die Verbesserung des touristischen Busverkehrs!

Sehr gut. Damit kommt sie den Flug- und U-Bahn-Ideen der langjährigen Partner nicht in die Quere. „Quer-Denken“ wäre nämlich verpönt.

Es soll ein neues Reisebuskonzept geschaffen werden (leider und wahrscheinlich erst für 2050). Es heißt:

Wir wollen einen weiteren ZOB-Standort (Zentraler Omnibusbahnhof) in den östlichen Bezirken realisieren und nehmen dafür den Standort am Ostkreuz in den Blick“.

Das Ostkreuz markiert doch nur das östliche Ende von Berlin-Mitte, erst dahinter beginnen die Weiten des Berliner Ostens! Da haben die West-Berliner offenbar den Osten noch immer nicht verstanden und schon gar nicht den zentral denkenden Berlin-Besucher. Ein solcher ZOB dürfte nicht näher an die City heranrücken als vielleicht zur ehemaligen Stasi-Zentrale.

Interessant werden die Ideen auch für die Getränkebranche, die Spätis, Lehmanns, Hoffmanns und Pennys:

„500 neue Trinkbrunnen“, möglichst gerecht über die Berliner Bezirke verteilt,

will die CDU aufstellen. Berlin soll also eine Art Mekka für Zwangsgeräumte werden. Aber nur an Gänsewein wird gedacht. Einfach gerechnet käme fast jeder Bezirk auf 50 Trinkbrunnen. Das heißt, wenn man es richtig versteht, dass die CDU eher an Sommertourismus denkt: ein Affront gegen „Malle“. Im Winter könnten diese Brunnen glattweg einfrieren.

Rettet uns die AfD? Aktiv jedenfalls nicht. Bei der AfD kommt das Wort Tourismus im ganzen Programm nicht vor. Man muss also weiter in die Vergangenheit zurückreisen. Denkmäler der angeblichen Schande sollen ohnehin nicht besucht werden.

So also ist es: Viel Lärm um nichts. Niemand denkt an den Plänterwald oder an die Uferpromenaden der Spree. Tagesfahrten zum Schiffshebewerk Niederfinow sind auch kein Ding, obwohl dies staatlich begünstigt werden müsste. Die Politik weiß nichts vom wirklichen Leben, sondern lebt saturiert in ihrer Großstadtblase. Das wird diese Wahl vielleicht deutlicher belegen, als man es belegt haben möchte.

Alphabet des Versagens der politischen Führung

Wer hat sich einmal angesehen, wie viele unserer amtierenden Minister und Senatoren in ihrem Führungsberuf durch eine Ausbildung qualifiziert sind? Jeder Handwerksmeister muss einen Kurs zur Betriebsführung absolvieren, bei der Bundeswehr gibt es Feldwebellehrgänge, die „Police-Academie“ bringt ihren Chefs etwas bei. Wie viele unserer politischen Führungsmenschen, die die unter ihnen arbeitenden Bürokraten anleiten sollen, haben sich zuvor Kompetenzen durch Berufserfahrung aneignen können? Es sind kaum 20 Prozent!

Das ist exakt das zweite Dilemma unserer Politik. Qualität und Kompetenz sind so spärlich vertreten, dass weder die Umsetzungsproblematik noch das inhaltliche Verständnis von Versprechen mit der Realität zusammenpassen. Was will man also von unseren Politiker*Innen in Sachen Afghanistan, Bildung, Corona, Digitalisierung, Energiewende usw. erwarten? Es ist eigentlich wie bei Google: man findet auf der ersten Seite eine Informationsflut, ist davon bereits überwältigt und begnügt sich dann mit der Mittelmäßigkeit. Warum sollte also der Staat, der von minderqualifiziertem Personal geführt wird, Menschen, die selbst arbeiten müssen, erklären können, wie das Leben außerhalb der Ämter und Behörden funktioniert?

Bei bis zu 250.000 Menschen in Berlin, die von Hotellerie, Gastronomie und Veranstaltungen leben, hätte Berlin eigentlich einen Senatoren*innen-Posten allein für den Tourismus verdient. Die Wahlprogramme der Parteien richten sich mit ihren diffusen Begriffen nicht an die 250.00 Hoteliers, Gastronomen, Museumsbetreiber, Spree-Reeder und all deren Mitarbeiter, sondern an den Wähler, dem der Tourismus sogar lästig erscheint.

„Stadt der Freiheit“ soll für alle das Markenzeichen sein. Heißt es auch „Freiheit vom Tourismus“? Eines dürfte inzwischen jedoch klar geworden sein: das Tourismuskonzept 2018+ hat sich wegen der Pandemie als lächerliche Konzeption offenbart. Besucher lassen sich am Abreiseort nicht sortieren, Hotels in Außenbezirken führen nicht zu neuen Besucherströmen und die Parole „weg vom Zentrum“ interessiert den Besucher, der das Schloss (Humboldt Forum) im Zentrum sehen will, nicht. Die Auswertung schlafender Touristen als Rechtfertigung der Unzufriedenheit der sich bewegenden Touristen zu nutzen, ist schon nach Regeln statistischer Auswertung ein Unding. Der Glaube, dass Touristen verantwortlich für die Verschmutzung von Parks seien, ist albern.

Wirklichkeit und Natur als Feinde

Die Politik hatte schon immer große Schwierigkeiten mit ihren Feindbildern: Es sind die Realität und die Naturgesetze. Man erinnere sich an den Wahnsinn der Baupreissteigerung der letzten zehn Jahre und die damit verbundenen Mietsteigerungen. Woher kommen solche Ergebnisse? Wenn man ständig regulierend und fordernd eingreift, wenn man die Anforderungen an das Bauen steigert (dickere Styroporfassade, Zwangsentlüftungen durch Fenster, Dreifachverglasungen, digitaler Funk etc.) und außerdem noch langsame Behördenabläufe hinnimmt, dann steigen die Baukosten. Irgendjemand muss dafür bezahlen: das ist der sozial meist schwächere Mieter. Dass Bund und Land – gehupft wie gesprungen – unfähig sind, auf eigenem Boden sozialverträglich und als Bauherren zu bauen: kein Wunder. Noch nicht einmal sichere Fahrradspuren wurden in den letzten fünf Jahren geschaffen. Corona hat auch im Tourismus gezeigt, dass es wohl besser sein könnte, den Touristen natürlicherweise in unsere Stadt zu lassen, als Geldscheine zur Finanzierung des Stillstands zu drucken, das unsere Kinder zurückzahlen müssen.

Klein-Klein statt Konzept

Vielleicht lässt sich der Tourist von der „ersten Klimastraße Berlins“, wie die dortige Bezirksbürgermeisterin seinerzeit die von der Sonne abgeschnittene und 50 Meter kurze Danneckerstraße in Friedrichshain genannt hat, anziehen. Das Bereitstellen von Graffiti-Flächen für Street-Art-Künstler ist ebenso bescheiden gedacht wie diese sogenannte Klimastraße. Welcher Besucher soll das denn feiern? Wann waren die Herrschaften zuletzt in Städten wie Taipeh, Singapur, London oder neuerdings in Kiew? Da geht es um ganze Stadtviertel, nicht um Hausflächen. Die Staatskunst, wie wir sie aktuell in dieser Stadt sehen, auf höheres Niveau zu heben, wäre ein guter Ansatz, die Stadt der Freiheit wiederzubeleben.

Freiheit für die wirklichen Gestalter dieser Stadt

Lasst Menschen aus allen Ländern Ideen austauschen und diese Ideen unbürokratisch umsetzen. Berlin braucht keine Politiker, die meinen, Menschen vorgeben zu müssen, was richtig oder falsch ist, als hätten sie noch weniger Bildung als die Politiker. Die Menschen sind nicht vollends verblödet oder debil. Die meisten Macher haben gelernt oder durch Erfahrung lernen müssen, das einzuschätzen, was sie gerade tun. Politiker beherrschen das in aller Regel nicht.

Wen wählt also der Hotelier, der Betreiber einer Sehenswürdigkeit oder der Gastronom am besten in Zeiten der Mittelmäßigkeit? Warum kommt ein Tourist nach Berlin? Weil er dort findet, was er in seiner Kleinstadt, im ordentlichen Zürich oder im teuren London nicht findet. Vielleicht versteht das irgendwann auch der Politiker. Bei den bisherigen Programmen weiß der Tourist nicht, welche Gaudi in Berlin auf ihn wartet. Es ist nämlich keine.


Über den Autor: 

Quirin Graf Adelmann v.A. ist Geschäftsführender Gesellschafter der
Muson GmbH und Mitglied im INTOURA e.V.

Juli-Kolumne

1. Juli 2021

Verantwortung wiegt schwer

Über Gewinner und Verlierer der Pandemie

Platz. Ruhe. Sonnenschein. In den vergangenen Wochen konnte Berlin als entspannter und fast schon gemütlicher Ort durchgehen. Die Straßen angenehm leer, der Verkehr übersichtlich, eine sehr überschaubare Zahl Menschen an den sonst stark besuchten Hot Spots der Stadt. Als Berliner eine willkommene Abwechslung, denn die eigene Stadt ungestört genießen zu können, kommt in der Tat selten vor.

Gleichzeitig wird einem schmerzlich bewusst, dass etwas fehlt. Besucherinnen und Besucher, durch die Berlin erst zu dem werden konnte, was es heute ist, sucht man vergebens. Allenfalls in homöopathischen Dosen sind sie derzeit zu finden. Ohne Zweifel gehört der Tourismus zu den am schwersten von der Pandemie heimgesuchten Branchen. Durch die nahezu vollständige Einstellung des internationalen Flugverkehrs bzw. grenzüberschreitender Reisen sowie den Einschränkungen und Regularien beim innerdeutschen Reiseverkehr wurde Berlin im deutschen Vergleich am härtesten getroffen. Hotels, Messen, Kongresse und natürlich touristische Attraktionen litten und leiden unter den Begleiterscheinungen und Nachwirkungen der Krise, deren wirtschaftliches Ausmaß sich erst in den kommenden Monaten und Jahren zeigen wird.

Eine Pandemie lässt sich weder verbieten noch abschaffen. Bill Gates wies bei einem TED-Talk bereits 2015 darauf hin, dass die Menschheit kein Konzept habe, wie sie mit einem gefährlichen Virus umgehen könne („Wir sind auf eine Epidemie nicht vorbereitet.“). Im Laufe der Geschichte gab es schon oft Epidemien und Pandemien, im 20. Jahrhundert beispielsweise die so genannte Spanische Grippe (1918-20, bis zu 50 Mio. Tote), die Siebte Cholera-Pandemie (1961-90, mehrere Mio. Tote) oder die Hongkong-Grippe (1968-70) mit geschätzten 52.000 Toten allein in Deutschland und der damaligen DDR. Die Bewältigung einer Krise ist es aber, die zeigt, ob die Regierenden entsprechende Fähigkeiten haben oder in kürzester Zeit entwickeln.

Ein fortschrittlicher Staat zeichnet sich dadurch aus, dass er eine unerwartete und bedrohliche Lage schnell einschätzt, laufend neu bewertet und daraus Regeln ableitet, um die Bevölkerung, aber auch die Wirtschaft als ökonomischen und sozialen Motor möglichst optimal zu schützen und zu unterstützen. Dazu braucht es transparente Kommunikation und effiziente Maßnahmen, die sich im Nachhinein rechtfertigen lassen. Die Zuverlässigkeit der Politik ist hierbei der wohl wichtigste Maßstab.

Bereits jetzt lässt sich sagen, dass der Staat hier keine Meisterleistung vollbracht hat. Durch Zwangsverordnungen wurde dem Tourismus von einem auf den anderen Tag die Geschäftsgrundlage entzogen. Gleichzeitig erwiesen sich die staatlichen Hilfen für diese extreme Situation als so verworren, unlogisch, widersprüchlich und verspätet, dass sie für viele Unternehmen nicht anwendbar waren oder diese zur Verschuldung oder sogar Aufgabe zwangen, weil Gelder nicht ausgezahlt wurden. Neue Ideen und Aktivitäten wurden im Bereich Tourismus für die Jahre 2019 bis 2022 folglich auf Eis gelegt oder im Keim erstickt, die Kommunikation mit den beteiligten Unternehmen zu Maßnahmen und Hilfen war mehr als unzureichend. Worauf sollte man sich also verlassen?

Unternehmerinnen und Unternehmer haben im Gegensatz zum Staat eine herausragende Eigenschaft: Sie übernehmen Verantwortung und stehen dafür persönlich und mit ihren eigenen Ressourcen ein. Liquidität ist in einer Krise oberstes Ziel, Einsparungen und mögliche Hilfen müssen evaluiert und beantragt werden. Um Kündigungen zu vermeiden, setzt man sich mit Kurzarbeitsanträgen auseinander. Der Geschäftsbetrieb muss so heruntergefahren werden, dass das Unternehmen weiterexistieren und in kurzer Zeit wieder betriebsbereit sein kann. Gelingt das nicht, verschwinden Unternehmen schnell von der Bildfläche – mit allen negativen Konsequenzen für Inhaber und Mitarbeiter.

Der Staat hingegen ist im Grunde der schlechteste Unternehmer. Er lebt von Steuergeldern und gibt anderer Leute Geld aus. Ausgaberessorts werden nach Wählerstimmen erstritten und verteilt. Was für das Land langfristig gut ist, erscheint sekundär, wenn man allein die Bereiche Bildung für Kinder und Jugendliche und den Klimaschutz betrachtet. Damit ist seine Verantwortung nur ideeller Natur, denn wer sollte für getroffene oder – noch schlimmer – nicht getroffene Entscheidungen zur Verantwortung gezogen werden? Im Zweifelsfall waren viele Personen beteiligt, bei denen sich Entscheidungen in einem diffusen Nebel an Kompetenzen und Versagen auflösen. Das Ergebnis einer Untersuchung im Nachhinein lautet meist: Es ist bedauerlich, aber die Schuld ist nicht eindeutig zuzuweisen. Seit Jahrzehnten werden zudem drittklassige Unternehmer in die erste Klasse der Politik befördert.

Obwohl der Staat für die Bewältigung der Krise Finanzmittel im Billionen-Bereich aufwendet, kann er als Gewinner gesehen werden. Das Geld holt er sich in den kommenden Jahren zurück – über Steuern und Rückforderungen, wenn Hilfen zurückgezahlt werden müssen, die nach dem Ausschütten des Füllhorns nun als unberechtigt eingestuft werden. Auch Unternehmen der Pharmabranche, der Logistik, der IT, der Produktion und des Online-Handels zählen zu den Gewinnern.

Es ist nur furchtbar schwer, als Unternehmen der Tourismusbranche die eigenen Produkte zu digitalisieren. Ein virtueller Museumsbesuch ist nett, kommt aber nie an den Live-Besuch heran. Eine Schifffahrt auf der Spree mit VR-Brille und Ventilator simulieren? Undenkbar. Ein Theater- oder Konzertbesuch als Stream? Möglich, aber unbefriedigend und nie kostendeckend. Wer zahlt schon für einen Stream, wenn es vergleichbare Angebot zuhauf und gratis im Netz gibt.

Der Tourismus bietet dagegen individuelle Erlebnisse für alle Menschen, egal woher sie kommen und welchen Hintergrund sie haben. Reisen und Reisebegegnungen bilden, fördern die Kultur und lassen sich nicht durch Online-Aktivitäten abbilden oder ersetzen. Berlin und Tourismus gehören zusammen, es geht nicht ohne. Daher gilt es, als Staat mit Unternehmen zu kooperieren und den Weg aus der Krise gemeinsam zu gehen. Die Verantwortung liegt darin, Unternehmen so zu unterstützen, dass sie wirtschaftlich wieder erfolgreich werden können. Dann fließen auf mittlere und lange Sicht auch Steuereinnahmen und helfen dabei, die Kosten der Pandemie zu bewältigen.

Tourismus ist kein Privileg. Er ist eine Notwendigkeit, um das eigene Weltbild zu erweitern, Neues kennenzulernen, Kulturen zu verstehen, Toleranz zu üben, Erfahrungen wiederum nach Hause zu bringen und dabei gleichzeitig zu entspannen. Es bleibt zu wünschen, dass touristische Attraktionen, Hotels und Gastronomie wieder zu Gewinnern werden. Die Voraussetzungen in einem wirtschaftlich starken Land wie Deutschland sind dafür gut. Der Staat muss es nur zulassen.


Über den Autor:

 

 

 

 

Michael Rassinger ist Geschäftsführer der Wortmacher GmbH und Fördermitglied im INTOURA e.V.

Potsdamer Platz mit Herz

Juni-Kolumne

1. Juni 2021

Auf nach Berlin – aber warum eigentlich?

Die Frage, warum man einen Trip nach Berlin machen sollte, stellte sich im letzten Jahrzehnt nicht. Der Spirit, das Lebensgefühl, welches nach den späten 90ern weit über die Grenzen der Stadt hinaus getragen wurde, reichte aus, um der Hauptstadt ein jährliches Wachstum zu bescheren. Berlin stand für Freiheit und Toleranz, für vielfältige Kultur & Partylocations … ein Platz für Freigeister. Das wollte man sich anschauen. Insbesondere war die vorherige Teilung und der sich daraus ergebene Kontrast aus Ost und West eine besondere Anziehungskraft. Eine Millionenstadt die sich findet. Das war spannend und man wollte dabei sein.

12 Jahre lang – beginnend mit der Fußball-WM 2006 in Deutschland – hat Berlin davon profitiert. Ein ungebrochenes Wachstum war die Belohnung dafür, dass man die Stadt hat Stadt sein lassen. Eine absolute Erfolgsgeschichte.

2018 kippte die Stimmung dann. Die Akzeptanz der Berliner gegenüber rollenden Koffern in ihren Kiezen, der zunehmende Müll auf den Straßen und in den Parks und die Lärmbelästigung durch die gastronomischen Einrichtungen und Clubs wurde kleiner. Es brauchte einen Schuldigen, um von der fehlenden Stadtentwicklungspolitik abzulenken. Der Berliner „Overtourism“ war geboren.

Wahrnehmung schlägt Tatsachen

Einige Bezirke wollten mit einem Regelkatalog für Touristen auffahren. Das klang so gar nicht mehr nach Freiheit und Gelassenheit. Ein weiterer politischer Versuch, das Geschehen in die gewollte Richtung zu schieben, war das Tourismuskonzept 2018+. Die darin enthaltenen Pläne, die Außenbezirke stärker für touristische Belange zu bespielen und die überfüllte Mitte zu entlasten, den Tourismus nachhaltiger zu gestalten (ohne zu erklären, was das genau bedeutet), die Bezirke sauberer zu machen, letztendlich auch den Partytouristen nicht mehr willkommen zu heißen, indem man sein Angebot einschränkt – zumindest das hat ja die Pandemie nun erledigt – wirkten wie ein Hilferuf der Politik. Dabei hatte man mit der (Steuergeld-finanzierten) TourimusApp „Going Local“, die Touristen gerade erst in die Kieze gelockt und mit dem Slogan „365/24“ für eine Erwartung gesorgt, die nun niemand mehr erfüllen wollte. Und, dass Müll & Lautstärke gar nicht primär von Touristen verursacht wurden, das will nun, wo die Touristen fernbleiben, auch kein Verantwortlicher offen aussprechen.

Doch was sind die Auswirkungen?

INTOURA-Mitglied Q. Graf Adelmann schrieb nach der Veröffentlichung des oben erwähnten Tourismuskonzeptes in seiner Kolumne im Mai 2018 von „Benimmregeln, die dem Touristen zukünftig vor der Abreise verabreicht werden, um den ungeliebten Partytouristen herauszufiltern und von einem Berlin-Besuch abzubringen“. Denn, so konnte man es verstehen, nur wenn man ausreichend Geld im Portemonnaie hat, an den durchschnittlich 2,4 Tagen Besuch auch Spandau und Marzahn beabsichtigt zu bestaunen und nicht in einem airbnb wohnt, ist man in der Hauptstadt willkommen. Natürlich war das sehr überspitzt von Adelmann formuliert und als „Worst Case Szenario“ dargestellt. Aber gehört es nicht auch dazu, sich Gedanken über die Auswirkungen eines solchen Papieres zu machen, über die Außenwahrnehmung und das sich daraus ergebene Image, das man damit formt?

Hat man entstandene Probleme einer Millionenmetropole hier auf den Touristen abgewälzt und diese genutzt, um den politisch gewollten Kurs einzuschlagen? Spätestens seit der Pandemie wissen alle mit Sicherheit, dass Müll & Lautstärke keine touristisch entstandenen Probleme sind. Die Straßen und Parks waren in den letzten 12 Monaten dreckiger als jemals zuvor, die Berliner Gastronomie in den Sommermonaten überfüllt und laut wie eh und je. Ganz ohne Touristen.

Wer wird Berlin zukünftig besuchen?

Nach nun 15 Monaten ohne Touristen, soll es jetzt endlich wieder losgehen. Der Partytourist wird vorerst nicht wieder kommen. Die Clubs öffnen zwar schrittweise, aber vorerst nur mit halber Kapazität. Wie die Branche dauerhaft überleben soll, ist unklar.

Während Hamburg die Stadt der Musicals ist und damit zahlungskräftige „Qualitätstouristen“ in die Stadt lockt, hat es der Hansestadt keinen Abbruch getan parallel ebenfalls eine Vergnügungsstadt mit Rotlichtmeile zu sein. Auch hat es niemanden gewundert, dass Hamburg im Pandemie-Sommer 2020 das in Deutschland beliebteste Reiseziel für Kurzurlaube war – denn die Stadt präsentiert sich bereits seit Jahren sauber & hochwertig, trotz – Vergnügungsmeile. Paris ist die Stadt der Mode, Kultur & Gastronomie. Knapp 257 EUR gibt der Tourist dort durchschnittlich pro Tag aus. Das sind weltweit die zweithöchsten pro Kopf Ausgaben (Dubai liegt bei 458 EUR) und das ist nicht einfach zufällig so entstanden. Dafür hat sich Paris unter anderem eine eigene Öffnungsstrategie des Einzelhandels ausgedacht und die Geschäfte in Teilen sonntags und bis 24h geöffnet. London ist ein internationaler Hotspot und Europas wichtigstes Luftdrehkreuz, Dubai repräsentiert Superlativen und Luxus, Bangkok das pulsierende Leben auf den Straßen, aber wofür steht Berlin heute?

Die ehemalige Partyhauptstadt, die Stadt der Politik, der Ost-West-Geschichte und die Stadt, die sich bisher einfach organisch entwickelt hat – bis man entschieden hat, dass man eingreifen muss, weil einem die Zielgruppe nicht mehr gefällt – hat kein Image mehr. Wer besucht die Stadt zukünftig? Das Reiseverhalten hat sich verändert. Städteurlaub hat nicht nur an Stellenwert verloren, sondern auch die Vermarktungsausrichtung hat sich verändert. Wälder, Seen und Platz stehen jetzt im Vordergrund der Werbung. Wie viele Touristen haben in der Vergangenheit angegeben, dass sie wegen der Baumdichte nach Berlin gereist sind oder wegen der ausgebauten Radwege in den Außenbezirken?

“Overtourism” meets Pandemie & was bleibt übrig?

Die Zahl der Touristen im Jahr 2020 ist auf das Niveau von 2001 gesunken. Eigentlich ein Anlass sich Gedanken über die zukünftige Gestaltung in Gänze zu machen. Aber man hat sich weniger damit beschäftigt, warum Besucher nach Berlin reisen möchten – wofür die Stadt steht, stattdessen hat man festgelegt, wen man in der Stadt haben möchte. Nachhaltig soll der Tourist sein, sauber und vermögend. Soweit gut. Aber woher soll dieser Vorbildtourist kommen? Wo finden wir ihn und die noch viel wichtigere Frage ist: warum sollte er nach Berlin kommen? Was hat Berlin zu bieten, was andere Städte nicht haben? Müssen wir nicht aufpassen, dass Berlin nicht zu einer beliebig austauschbaren Stadt verkommt? Brauchen wir nicht gerade jetzt einzigartige Attraktionen in der Innenstadt, statt Radwege in den Außenbezirken? Ausgestreckte Arme für jeden, der die Hauptstadt bereisen möchte, statt nur für vordefinierte Zielgruppen?

Ich bezweifle nicht, dass es der Mehrheit der Berlin-Besucher schlicht egal ist, ob sie politisch gewollt sind oder nicht. Es gibt selbstverständlich genügend Gründe für einen Besuch unserer Stadt! Aber wäre es nicht wünschenswert gewesen, dass spätestens jetzt überholte Tourismuskonzept 2018+ mit den darin falsch zugrunde gelegten Problemen vollumfänglich zu überarbeiten, statt ihm nur einen Pandemie-Anstrich zu verabreichen? Wäre es nicht an der Zeit gewesen, die Menschen außerhalb von Berlin zu befragen, wofür Berlin ihrer Ansicht nach steht, warum sich ein Besuch lohnen könnte und was sie erwarten hier zu erleben, um das in Einklang mit der Innenansicht zu bringen und unsere vorhandenen Angebote an die Vermarktungs-Strategie anzupassen?

Berlin. Auch das noch

Der aktuelle Slogan der Marketingkampagne von visitBerlin „Berlin. Auch das“ zeigte im letzten Jahr schöne Bilder von Seen, Wiesen & Radfahrern auf freien Flächen – und wer weiß, vielleicht haben wir ja Glück und der neue Ansatz, Touristen wegen seiner grünen Vielfalt nach Berlin zu locken, setzt den früheren Berlin-Boom fort…


 

Über die Autorin:

 

 

 

 

Julia Kuntz-Stietzel ist Geschäftsführerin der Marktflagge GmbH und Mitglied im Vorstand von INTOURA e.V.

Mai-Kolumne

1. Mai 2021

Berlin vertauscht die
Reihenfolge – und verliert

Leistung und Chancengleichheit in einer regulierten Welt

Das höchstrichterliche Kurz-Urteil zum Mietendeckel war keine wirkliche Überraschung. Verwunderlich ist, dass das Bundesverfassungsgericht nicht postwendend auf die Verfassungsbeschwerde entschieden hat. Allerdings brauchte es keine mündliche Verhandlung für die Erkenntnis, dass das Land Berlin sich schlichtweg in der Reihenfolge seiner Kompetenzen vergriffen hatte:

Zuerst hätte es die Unabhängigkeit von der Bundesrepublik Deutschland („Berexit“), danach die eigenen Bundesgesetze beschließen müssen.

Nun wäre es angemessen, die Gutachten über die angebliche Rechtmäßigkeit des Mietendeckels auseinander zu nehmen. Immerhin vertrauten hunderttausende Menschen auf die Gutachten der so genannten Experten. Gutachten darf aber jeder verfassen und der Auftraggeber kann behaupten, die Richtigkeit seines Handelns sei wissenschaftlich erwiesen. Der Kampf zwischen alternativloser Wissenschaft und alternativloser Realität setzt sich fort.

Gefangen in Fantasie, frei von Kompetenz

Anstatt auf den gut sieben Millionen Quadratmeter öffentlichen Baulands in Berlin schlichtweg geförderten Wohnraum zu bauen und die seit sechs Jahren erlebte Wohnungsnot zu reduzieren, überlegt man aktuell, Unternehmen zu enteignen. Man beginnt – natürlich auf Kosten der Gemeinschaft – mit intellektuell harmlosen Kleinteilstudien, die in Gutachten münden, bevor man Hirn und Hand mit der Umsetzung des Wohnungsbaus anstrengen muss. Diese Verfahrensweise ist das grundlegende Problem unserer Regierenden, die mit reinen Ideen und Meinungen aus der Wiege des Sozialstaates direkt zu den Traumberufen in die politische Welt des abgesicherten Staatsbediensteten geführt werden. Qualifizierung oder Kompetenz folgen in umgekehrter Reihenfolge durch gemeinsame Erfahrungen.

Haben Sie noch die „wissenschaftlichen Gutachten“ in Erinnerung, die zusammengesetzt wurden, um die Verantwortung für die Vermüllung der Berliner Parks unbekannten Touristen anzulasten und auf diese Weise die Regularien des Tourismuskonzepts 2018+ zu rechtfertigen? Nun werden diese Gutachten mit der Realität des Quasi-Verbots des Tourismus konfrontiert. Seit Monaten kommen keine Touristen, weder kurz einreisend noch übernachtend, in unser Bundesland. Wie kommt es dann, dass die Parks weiterhin vermüllt sind? Wenn es Phantomtouristen nicht sein können, dann könnte ein intellektueller Blindflug nebst wissenschaftlicher Selbsthilfegruppenarbeit das Bild des vermüllenden Touristen ad acta gebracht haben.

Unter diesen Vorgaben ist es auch schwer geworden, in Berlin unternehmerisch (im Sinne von „geschäftlich“) tätig zu sein. Zunächst einmal bedarf es einer (Geschäfts-)Idee. Will man beispielsweise ein Europa-Theater eröffnen, um einem gespannten Publikum Klischees oder Witze der jeweils anderen Staaten vorzutragen (nebst Fernsehaufzeichnung), muss man immer damit rechnen, Zensur und Boykott zu provozieren. Keine Witze über Minderheiten, keine Witze über andere Kulturen, nichts schwarz oder weiß anmalen und schon gar nichts über Religion sagen. Realwissenschaftlich beginnt das Verstehen anderer Menschen mit Kommunikation und Gedankenaustausch, nicht mit der grundsätzlichen Ächtung und Unterdrückung von Meinungen, die es auszutauschen gilt. Im Bereich von Kunst & Kultur öffnet man die eigenen Felder für andere Farben. Kürzlich hat man die Serie der Little-Britain-Macher „come fly with me“ aus dem Programm von Netflix genommen. Einer der beiden weißen Darsteller spielte die Rolle einer dunkelhäutigen Coffee-Shop-Angestellten. Ist das eine neue Regel der political correctness oder löscht man hier bereits eine vermeintlich unangenehme Vergangenheit aus?

Wer wird Visionen in Zukunft noch in Umsetzung bringen dürfen?

Junge Unternehmer meinen, dass sie bereits gefördert würden, indem man nicht zuerst Steuervorauszahlungen ermittelt, Zwangsbeitragsgesellschaften gründet und Bauabnahmen und Gutachten-Gutachten verlangt. Das Gefühl ließe sich steigern. Man könnte jeder neuen Idee sogar zwei bis drei Jahre freie Entfaltung ohne Steuern, Beiträge und Unterwürfigkeitsbehördengänge zusichern. Damit würde jederfrau und jedermann ermöglicht, ihre Idee umzusetzen, ohne dass man zuvor das Vermögen der Großmutter einsetzen oder verschuldet starten müsste. Der Staat erklärt also den auf weniger als 5% verbliebenen Unternehmenden dieser Gesellschaft, wie man zu unternehmen hat und vernichtet zunehmend die Möglichkeit derer, ohne Startkapital oder Netzwerk – nur mit einer Idee oder mit Elan ausgestattet – in ein unabhängiges Wirtschaftsleben zu starten. Allerdings werden derzeit junge Menschen in der Regel in ihrem Zuhause eingesperrt, nicht ausreichend geschult, der Breitensport verboten und die Möglichkeit, Nicht-Lebensmittel zu erwerben, nur gegen entgeltliche Testbescheinigung gestattet. Was bedeutet das für die sozial Schwächsten der Gesellschaft? Gibt es hier Gutachten? Fehlanzeige. Intelligent wäre doch gewesen, dafür zu sorgen, dass jeder Mensch unserer Gesellschaft ab der Geburt unabhängig von Herkunft, Sexualität, Hautfarbe oder Religion die Möglichkeit bekommt, sein Talent in einem Beruf zu entwickeln. In der aktuellen politischen Landschaft kann man solche Vorstellungen zu Grabe tragen.

Der Staat als Unternehmer: chancenlos

Diese Perversion erreicht nun einen neuen Höhepunkt. In der vorletzten Phase dieser „Entwicklung“ gründet der Staat selbst GmbHs. Diese Staats-GmbHs haben gleichwohl Ressourcen ohne Ende und (noch) Geldmittel von Steuerzahlern verfügbar. So muss die Staats-GmbH den Untergang nicht fürchten, wenn das Produkt schlecht, Ideen inexistent, Einsatz unzureichend oder Innovation Fehlanzeige bleiben. Diese Staats-GmbHs treten nach außen als Unternehmen auf, sind innerlich aber rein politisch dirigiert. Was macht nun der Staat mit derart vielen Möglichkeiten, ohne selbsternährend tätig sein zu müssen: er kopiert private Ideen und presst diese in staatliche GmbH-Strukturen. Eigene Kultur-Ideen sind hier Fehlanzeige, zumal jeder solange den eigenen Senf (entspricht einer Meinung, gerne auch unfundiert) dazugeben darf, bis inhaltlich nichts übrigbleibt – siehe die Diskussionen um Inhalte im neuen Humboldt Forum. Die innere Struktur von Gesinnung, Postenhierarchien und Quoten in Staatsbetriebe gesetzt. EU-Recht, wonach größere Engagements einer Ausschreibung bedürfen? Schnee von gestern.

Wir kennen die Tourismus-Lenkungs-GmbH mit angeschlossenen Souvenir-Shops: visitBerlin. Diese will nun ein eigenes, exklusives Ticketing-System implementieren und unerwünschte Wettbewerber ausschließen. Hunderte Offline-Informationsstelen der Stadt sollen Berlinbesucher weg von kommerziellen Einrichtungen, aber ausschließlich hin zu staatlichen und nicht-kommerziellen Einrichtungen führen. Die so genannte oder so firmierende „Kulturraum Berlin GmbH“ verhandelte neulich einen Mietvertrag zu horrenden Konditionen aus und etabliert sich direkt neben einem mühsam restaurierten privaten Haus, um dort zu einem Bruchteil der eigenen Kostenmiete Räume an Musiker dieser Welt zum subventionierten Spottpreis anzubieten. Die privaten Häuser werden keine Mitarbeiter*innen beschäftigen und Steuern mehr erwirtschaften können. Mit all diesen Initiativen wird es aber so kommen, wie es bereits in der DDR war oder in totalitären Systemen ist: Neue Initiativen werden im Keim erstickt. Gerechtfertigt wird das mit hohlen Phrasen in der Art von banal-pädagogischem Geschwätz.

Echte Unternehmer steigen aus

Die Folge: Vermögende ziehen sich aus Risiko-Anstrengungen zurück und legen ihr Geld in langweiligen Finanzprostitutionsprodukten und Derivaten an, die gesellschaftlich keine positive Wirkung erzeugen. Nachfolgenden Generationen bleibt der Zugang zum Wettbewerb mit dem Staat verschlossen. Dort hingegen muss man sich Jahrzehnte ein- und unterordnen, damit man im Laufe des körperlich-geistigen Alterungsprozesses die entsprechenden Besoldungsstufen hinaufklettern kann. Das Ende: Berlin wird als Ganzes zu einem Museum. Wir wissen allein aus den letzten bald zwei Jahren Pandemie, dass die Exekutive wirklich gar nichts hinbekommen hat – obwohl es sicher sehr viele qualifizierte Verwaltungsmitarbeiter gibt. Warum konzentriert man diese nicht auf die Arbeit an der schwächelnden Infrastruktur unseres Landes und versucht stattdessen, Burger und Döner staatlich herstellen zu lassen?

Fazit: Man sollte einfach die Reihenfolge ändern. Zuerst das Land zu einem Museum erklären und dann unmittelbar und mittelbar alles als Museumsstücke verstaatlichen.


Über den Autor: 

Quirin Graf Adelmann v.A. ist Geschäftsführender Gesellschafter der
Muson GmbH und Mitglied im INTOURA e.V.

April-Kolumne

01. April 2021

Ein Maskenball

Als ich im Jahr 1976 als Freigekaufter aus der DDR in die Bundesrepublik kam, brachte ich den festen Vorsatz mit, noch einmal zur Schule zu gehen und das Abitur zu erwerben. Fast genau ein Jahr danach stand ich, fast einundzwanzigjährig und mit Vollbart, vor dem Sophie-Scholl-Gymnasium in Berlin-Schöneberg. Meine Mitschüler in der 11. Klasse, in die ich eingeschult worden war, hielten mich anfangs für einen Referendar und fremdelten. Erst der extensive gemeinsame Besuch der Raucherecke machte ihnen klar: Wir sitzen in einem Boot.

Warum erzähle ich das? Es war meine Entscheidung, das Gymnasium zu besuchen. Ich wollte lernen. Und ich wollte „den Westen“ kennenlernen. In den Schulen, den Kasernen und den Gefängnissen eines Staates erfährt man viel über das vorherrschende Menschenbild. Unsere Lehrer, ältere und jüngere, waren redlich bemüht, uns eines Tages zu Recht das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife in die Hände zu drücken. Sie ermutigten uns, Sachverhalte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Wir lernten, uns selbständig auf die Suche nach Informationen zu machen und die gefundenen Quellen kritisch zu bewerten. Und wir erlebten den kommunikativen Wert verbindlicher Fachsprachen. Das alles war vor über vierzig Jahren. Heute stehe ich verständnislos vor der gegenwärtigen Lage in Deutschland. Wie viele Menschen hatten, wie ich, gelernt, sich frei zu informieren, kritisch zu urteilen und offen eine Meinung zu vertreten?

Wahrscheinlich stünde in der Stellenbeschreibung für Politiker, wenn es sie gäbe, daß unbedingt dazu gehört, es gegebenenfalls mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Das weiß jeder. Und wir, die wir das wissen, dürften Politiker damit nicht durchkommen lassen. Derzeit jedoch kommen sie damit ungeschoren davon. Ob es überhaupt begründet ist, von einer Covid-19-Pandemie zu sprechen, kann kaum überprüft werden. Eine Pandemie ist die weltweite starke Ausbreitung einer Infektionskrankheit mit hohen Erkrankungszahlen. Doch der Öffentlichkeit wird lediglich die Anzahl der Personen mitgeteilt, bei denen markante Teile des Covid-19-Erbguts auf der Schleimhaut gefunden wurden. Ob diese Menschen überhaupt infiziert oder gar erkrankt waren, erfahren wir nicht. Es wird regelmäßig mit einer Zahl operiert, die von Politik und Medien Inzidenzwert genannt wird. Das ist falsch. Erstens soll der wissenschaftlich definierte Inzidenzwert Neuerkrankungen in einer festgelegten Zeitspanne in derselben Personengruppe messen. Dazu müßte man also regelmäßig dieselben Menschen untersuchen. Zweitens gibt die in der Öffentlichkeit verwendete Zahl nicht, wie in der Wissenschaft gefordert, die Zahl der Neuerkrankten an, sondern die Anzahl positiv Getesteter. Wie viele davon überhaupt Symptome zeigen, erfährt man nicht. Die von Politik und Medien verwendeten Zahlen sind zufällig zustande gekommene, ausschließlich politische Zahlen und haben nichts mit Wissenschaft zu tun.

Und die auf diese Unwahrheiten gegründete Politik ist ein Desaster. Seit über einem Jahr fällt der Kanzlerin und den Ministerpräsidenten nichts anderes ein als Lockdown, obwohl schon früh sichtbar wurde, daß Lockdowns keine Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen haben. Da, wo nur auf die erfundenen Zahlen gestarrt wird, geraten die immensen Kollateralschäden aus dem Blick. Wer den Infektionsschutz als einziges Ziel verfolgt und deshalb die Wirtschaft und die Kultur des ganzen Landes weitgehend lahmlegt, wird am Ende weit größere Schäden angerichtet haben, als sie durch mehr Infektionen entstanden wären. Und es ist noch viel schlimmer. Die politisch Verantwortlichen haben das vergangene Jahr verstreichen lassen, ohne auf der Grundlage des ständig wachsenden Wissens über Covid-19 treffgenaue Maßnahmen gegen das Virus zu entwickeln. Es ist versäumt worden, alle nur denkbaren Informationen über Infizierte und Erkrankte zusammenzutragen, mit deren Hilfe Risikogruppen hätten definiert und Infektionswege hätten erkannt werden können. Anstatt neue Testkonzepte zu entwickeln, streiten sich die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten darüber, ob Mecklenburger in Mecklenburg Urlaub machen dürfen. Massenhafte Selbsttests wurden nicht in Gesundheitsämtern oder Arztpraxen verteilt, sondern preisgünstig bei Aldi verkauft. Die Corona-App schützt zwar halbwegs verläßlich persönliche Daten, hat aber ansonsten kaum praktischen Nutzen. Was bleibt von der behaupteten Notlage auf den Intensivstationen, wenn man weiß, daß im letzten Jahr aus rund 28.000 Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern bis heute etwa 24.000 geworden sind? Sind die Betten abgebaut worden? Oder sind sie stillgelegt wegen Personalmangels? Und wer sich impfen lassen möchte, scheitert häufig an den Folgen der dilettantischen Bestellpolitik.

Die „Coronapandemie“ scheint also weniger medizinische oder gesundheitspolitische Gründe zu haben. Sie ist in erster Linie das schlimmste Regierungsversagen und die schwerste Verfassungskrise der Bundesrepublik Deutschland seit 1949.

Auf Grund erfundener Zahlen, Lügen und eklatanter Fehleinschätzungen sind den Menschen in Deutschland und der deutschen Wirtschaft schwerste Schäden zugefügt worden. Warum, so kehre ich zum Anfang meiner Überlegungen zurück, regt sich gegen diese Politik nicht massenhafter Widerstand? Viele kennen das, wahrscheinlich fälschlich, Winston Churchill zugeschriebene Zitat: „Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“ Jeder kann sich die notwendigen Informationen auf vertrauenswürdigen Webseiten ergoogeln und mit Hilfe seines in der Schule erworbenen Wissens verarbeiten. Vielleicht tun das viele, halten sich aber trotzdem bedeckt? Dann hätte das Schweigen politische Gründe. Alexander Issajewitsch Solschenizyn, einer der schärfsten Kritiker des Sowjetregimes und früherer GULAG-Häftling, schrieb über kommunistische Führer einmal: „Wir wissen, sie lügen. Sie wissen, sie lügen. Sie wissen, daß wir wissen, sie lügen. Wir wissen, daß sie wissen, daß wir wissen, sie lügen. Und trotzdem lügen sie weiter.“ Die guten, freien Zeiten sind vorbei. Nur am Erhalt der eigenen Macht interessierte Politiker haben das Ruder übernommen. Sie erzeugen eine Atmosphäre der Angst, in der sich die meisten Menschen abducken und anpassen. Kritiker sind nicht mehr, wie früher, einfach nur Kritiker, sondern gefährliche Leugner und Verschwörungstheoretiker (übrigens eine in der Desinformationsabteilung der CIA erfundene Bezeichnung). Die daraus erwachsende Spaltung der Gesellschaft in Gute und Böse war in der Geschichte viel zu oft der Beginn totalitärer Herrschaft. Um dieser Gefahr zu begegnen, müssen wir uns von der Angst befreien. Verteidigen wir unsere wirtschaftliche Existenz und unser Leben gegen die Zerstörung.

Über den Autor:

Jörg Drieselmann ist seit 1992 Geschäftsführer im Stasimuseum Berlin (ASTAK e.V.), ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und Träger des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

März-Kolumne

01. März 2021

Dank Corona in die Verbotskrise

Wie wir auf Grund der Schwäche der öffentlichen Verwaltungen unserer wirtschaftlichen Existenzgrundlage beraubt werden.

Bis zur Pandemie hatte ich gelernt, dass Wirtschaftskrisen immer eine Angebots – oder Nachfragekrise sind oder auf Kriege oder Naturkatastrophen zurückgehen. Das SARS-CoV-2 Virus hat nun eine weitere Ursache hinzugefügt: eine Verbotskrise. Die Verbotskrise zeichnet sich dadurch aus, das weder auf der Angebots- noch auf der Nachfrageseite relevante Veränderungen eintreten. Im Unterschied zu den menschengemachten oder natürlichen Katastrophen ist auch keine Infrastruktur, wie zum Beispiel Produktionsstätten, zerstört worden. Wie der Name schon sagt, ist sie durch behördliche Verbote gekennzeichnet, die, wie jetzt, durch den Schutz von Menschenleben begründet werden. Natürlich ist der Schutz von Menschenleben eine nachvollziehbare Begründung, reicht aber als absolute Begründung jeglicher Art von Verboten meines Erachtens nicht aus. Die Beurteilung der Verbote sollte immer eine Abwägung zwischen dem zu erzielenden Zweck und seiner Konsequenzen beinhalten. Eine solche Abwägung findet z.Z. in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion leider überhaupt nicht statt. Bevor ich mich diesem Punkt weiter zuwende, möchte ich dem Leser zuvor die Konsequenzen der aktuellen Verbote innerhalb meiner eigenen Branche, der Jugend- und Klassenfahrten, aufzeigen.

Als Mitte März letzten Jahres sämtliche Kultusministerien Klassen- und Jugendreisen bis zum Sommer verboten, setzte eine Stornierungswelle ein, die sich, bis auf wenige Ausnahmen, auf alle Fahrten 2020 ausweitete. Immerhin versprachen die Landesregierungen in ihren Verordnungen, für entstehende Stornierungskosten aufzukommen. Allerdings hatten vielerorts die Politiker offensichtlich die Konsequenzen ihrer großzügigen Ankündigung unterschätzt. In allen Bundesländern setzte eine Antragsflut ein, die die Behörden bis heute beschäftigt. Die gute Nachricht ist: der größte Teil der Stornokosten wurde erstattet. Einige Bundesländer weigern sich allerdings, überhaupt Stornokosten zu tragen. Wehe dem, dessen Kundschaft ausschließlich oder zum größten Teil aus diesen Bundesländern kommt. Die Lehre aus 2020 für die Länder scheint zu sein: nie wieder wollen sie für Stornokosten aufkommen. Daher verbieten sie Klassenfahrten gänzlich oder schreiben ihren Schulen nun vor, nur dort Klassenfahrten zu buchen, wo sie „jederzeit kostenlos“ stornieren können. Diese Bedingung kommt einem Verbot gleich, denn kein Veranstalter, keine Gruppenunterkunft, kein Busunternehmen, selbst die Deutsche Bahn kann diese Bedingung erfüllen. Die Konsequenz ist: zumindest bis Sommer 2021 werden Stand heute keine Klassen- und Jugendfahrten stattfinden. Damit werden dann auch bei allen beteiligten Leistungsträgern keine Umsätze erzielt.

Wie viele Leistungsträger das Jahr 2021 überleben werden, werden wir im Laufe des Jahres wissen. Es ist schwer zu ertragen, dass die kommenden Insolvenzen ausschließlich auf Verbote zurückzuführen sind, denn weder haben die Leistungsträger falsch gewirtschaftet, noch ist die Nachfrage nach ihren Leistungen verschwunden. Im Gegenteil, wir hören von den Lehrern, dass sowohl die Schüler als auch die Lehrer selber gerne wieder auf Klassenfahrt gehen würden. Diese Fahrten, seien sie am Anfang, mitten drin oder am Ende einer Schullaufbahn, sind aus pädagogischer und sozialer Sicht besonders wertvoll. Welche Bedeutung diese Fahrten für Kinder und Jugendliche insbesondere nach monatelangem Lockdown haben könnten, kann sich jeder vorstellen, der eigene Kinder zuhause hat. Übertragen lassen sich diese Konsequenzen natürlich auch auf alle anderen Bereiche der Wirtschaft, die ebenfalls durch Verbote ihrer Existenzgrundlage beraubt sind: touristische Attraktionen, Gastronomie, Hotel, Einzelhandel, Messe- und Veranstaltungsbranche etc., eine vollständige Liste wäre verstörend lang.

Kommen wir nun auf die Ursache der Verbote zurück. Das Ziel aller Verbote ist die Rettung von Leben. Erreicht werden soll dieses Ziel durch eine möglichst geringe Verbreitung des SARS-CoV-2 Virus. Diese Verbreitung soll insbesondere durch Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln gestoppt werden. Soweit so gut. Allerdings wird bei den Verboten völlig außer Acht gelassen, dass das Virus nicht für alle Altersgruppen gleich gefährlich ist. Wäre es für alle gleich gefährlich, wären die bestehenden Verbote sinnvoll. Nach bisherigen Zahlen des RKI waren jedoch rund 85 % aller Verstorbenen älter als 70 Jahre alt. Darüber hinaus litt die Mehrheit an einer oder mehr Vorerkrankungen und rund die Hälfte waren Bewohner von Altenheimen. Damit stellt sich die Frage, warum wir nicht zielgerichtet die Menschen schützen, für die das Virus tödlicher ist als für andere, ohne dabei ganze Branchen an den staatlichen Finanztropf zu hängen? Die schlichte Antwort ist: die öffentliche Verwaltung ist dazu nicht in der Lage.

Einige wenige Beispiele zeigen das strukturelle Problem öffentlicher Verwaltungen auf.

Beispiel 1: Die Gesundheitsämter

Die Kontaktnachverfolgung obliegt den Gesundheitsämtern. Wie wir den Medien entnehmen können, arbeiten im 21. Jahrhundert noch immer einige von ihnen ausschließlich per Fax. Anstatt die Kontaktnachverfolgung zu digitalisieren, wird diese Aufgabe Bundeswehrsoldaten übertragen. Das dadurch die Kontaktnachverfolgung bei vielen Ämtern bereits bei 0,05 % Infizierten auf 100.000 Einwohner zusammenbricht, ist die tragische Konsequenz.

Beispiel 2: Die Bildungsverwaltung

Ein weiteres trauriges Beispiel ist die Berliner Bildungsverwaltung. 12 Monate nach Ausbruch der Pandemie gelingt es dieser nicht, in jeden Berliner Klassenraum einen Luftfilter bereitzustellen. In den beiden Schulen meiner Töchter steht nicht ein einziger dieser Luftfilter. Das Bereitstellen solcher Filter ist kein finanzielles Problem, Geld ist mehr als genug da, sondern die Inkompetenz der Verwaltung.

Stellen wir also fest, dass der Politik in der Pandemiebekämpfung scheinbar nix anderes übrig bleibt, als weite Teile der Wirtschaft einem Berufsverbot zu unterwerfen. Eine zielgerichtete Bekämpfung lassen die öffentlichen Verwaltungen nicht zu. Jetzt rächen sich die seit Jahren verkündeten, aber leeren Worthülsen unserer Politiker nach Modernisierung und Digitalisierung unserer Verwaltung und auch der Schulen. Dabei erarbeitet die Privatwirtschaft längst Alternativen. In meiner Branche haben sich die Leistungsträger bereits schon im letzten Jahr darauf geeinigt, dass Pandemiebedingt bis 72 Stunden vor Anreise, bei manchen sogar bis zum Anreisetag, kostenlos storniert werden kann. Damit wäre der momentan einzige Grund, warum eine Klassenfahrt abgesagt werden muss, abgedeckt. Den Kultusministerien wäre ihrer Angst vor erneuten Stornokosten genommen, den Lehrern und Schülern eine Perspektive für ihre Klassenfahrt gegeben, uns Leistungsträgern wieder gestattet, unseren Job zu machen. Die erarbeiteten Hygienekonzepte der Leistungsträger vor Ort ermöglichen eine sichere Klassenfahrt.

Wichtig zu wissen ist, dass bei Gruppenreisen ein gewisser zeitlicher Vorlauf von Nöten ist. Es ist deutlich einfacher, 100 Reisen kurzfristig abzusagen als 100 Reise kurzfristig zu planen und umzusetzen. Vor diesem Hintergrund sollten Klassenfahrten uneingeschränkt erlaubt sein. Denn wenn diese Fahrten erst dann wieder erlaubt sind, wenn ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung geimpft ist, dann wird es für viele Klassen und insbesondere Leistungsträger zu spät sein. Andersherum können alle Fahrten zügig abgesagt werden, sollten die Impfungen bis Sommer nicht so weit vorangeschritten sein, wie geplant.

Fazit

Das SARS-CoV-2 Virus stellt die gesamte Welt vor größte Herausforderungen. Die Antworten auf diese Herausforderung prägen unseren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Alltag. Dabei kristallisiert sich heraus, dass die Privatwirtschaft mit ihren marktwirtschaftlichen Prinzipien gut aufgestellt ist. Dank dieser haben wir 12 Monate nach Ausbruch der Pandemie weltweit mehrere zugelassen Impfstoffe zur Verfügung, sämtliche Engpässe bei Masken, Kitteln und Beatmungsgeräten sind abgebaut. Als große Schwachstellen entpuppen sich die öffentlichen Verwaltungen. Da diese mit den an sie gerichteten Aufgaben nicht hinterherkommen, bleibt der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten scheinbar nur der Lockdown mit all seinen wirtschaftlichen und sozialen Folgekosten.

Das staatliches Geld die verbotsbedingten, entgangenen Umsätze nicht monatelang ersetzen kann, dämmert ja bereits auch den verantwortlichen Politikern. Eine kurzfristige Digitalisierung und Ertüchtigung der öffentlichen Verwaltung ist unrealistisch. Daher wäre es jetzt an der Zeit, mit den Verantwortlichen der jeweiligen Branche zu sprechen und auf die Flexibilität der Privatwirtschaft, sich an neue Umstände anzupassen, zu vertrauen. Vielleicht sollte an dieser Stelle klargestellt werden: auch die Akteure der Privatwirtschaft setzen das Leben ihrer Kunden nicht aufs Spiel. Wir hatten und werden immer das Wohlergehen unsere Kunden im Auge haben. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die aber offensichtlich nicht auf allen Ebenen des Staates geteilt wird.

Zukünftig sollten wir es uns nicht mehr leisten müssen, aufgrund inkompetenter Verwaltungen unsere Wirtschaft in eine Verbotskrise zu stürzen. Darüber hinaus können wir als Unternehmen von unseren Politikern mehr Vertrauen in unsere Anpasssungsfähigkeit auch zu Zeiten einer Pandemie einfordern.

Über den Autor:

Daniel Wiegand ist Geschäftsführer von Hauptstadtreisen und Vorstandsmitglied im INTOURA e.V.

Februar-Kolumne

01. Februar 2021

Kulturmagneten zweiter Klasse? Schluss damit!

Diese Pandemie – eine sehr gute Chance wäre sie gewesen.

Nein, mehr noch: Sie war – und ist – eigentlich ein Muss…

Ja – die Pandemie und ihre enormen Kollateralschäden wären in der Tat ein imperatives Muss, um diese tradierte, unzeitgemäße, unaufrichtige Ignoranz von Politik und insbesondere Verwaltung gegenüber den rein privat finanzierten kulturellen Attraktionen dieser Stadt, die so viel zum Ruhm und Glanz Berlins beitragen, endlich aufzubrechen und diesen Institutionen die längst verdiente Wertschätzung entgegen zu bringen.

Und zwar nicht nur mit wohlfeilen Lippenbekenntnissen – sondern endlich auch mit einer spätestens jetzt dringlicher denn je gebotenen tatsächlichen, gleichberechtigten Beachtung und Einbeziehung dieser Assets bei den kulturpolitischen Weichenstellungen der Hauptstadt.

Nicht alles Tradierte muss man unbedingt in Frage stellen. Unzeitgemäßes schon eher. Was aber gar nicht geht, ist diese von Zynismus und, ja, auch von „kommunalem Egoismus“ getragene Unaufrichtigkeit.

Seit Jahren, nein, seit Jahrzehnten sonnt sich diese Stadt im Glanz dieser weltweit beachteten und bewunderten, unglaublich vielfältigen Angebotspalette an kulturellen Highlights – die ihr von wagemutigen privaten Entrepeneuren mit viel Herzblut zum Nulltarif spendiert werden. Diese nehmen dafür im unfairen Wettbewerb mit den rundum sorglos gepamperten Landesbetrieben enorme Risiken auf sich, nicht selten auch drastische Verluste – müssen sich zum Dank, neben gelegentlichem, wohlfeilem verbalen Schulterklopfen von manchen Verantwortlichen dieser Stadt jedoch oftmals eher als schnöde Profiteure brandmarken lassen. Was sie aber mitnichten sind.

Zahlreiche interessante und spannende private Museen, Theater, Ausstellungen und ähnliche Attraktionen werden dabei nicht nur von den Berlinern und den Menschen im Umland geliebt. Sondern in ganz Deutschland und nicht zuletzt eben auch in Europa und Übersee als besonders sympathische Player im Konzert dieses einzigartigen kulturellen Orchesters wahrgenommen und geschätzt.

Sie alle sind Magneten, die einen nicht zu unterschätzenden Teil des Charmes und der Anziehungskraft dieser wunderbaren Stadt ausmachen.

Wir wollen jetzt aber mal gar nicht weiter über Geld reden. Wenn auch Geld das ist, was den Kulturanbietern zur Zeit wohl am meisten fehlt. Sie sind nun dringend angewiesen auf Unterstützung durch die diversen Hilfsprogramme. Diese bescheren den einen mehr, den anderen weniger. Und lassen sie doch allesamt befürchten, dass das alles am Ende vielleicht nicht reichen wird – schlimmer noch: dass sie durch die Pandemie am Ende wohl noch viel weiter hinter die staatlich subventionierten Institutionen zurückfallen werden, als dies bisher leider schon der Fall war.

Doch gibt es noch etwas Anderes, was für sie alle von ähnlich elementarer Wichtigkeit ist: aufrichtige Wertschätzung.

Echte Wertschätzung – das wäre die tatsächliche Wahrnehmung und die dankbare Anerkennung auch ihrer Arbeit, auch ihres Engagements durch die Landespolitik und deren Verwaltung als einen gewichtigen, ja einen unverzichtbaren Beitrag zu diesem zu Recht so viel gepriesenen Magnetismus der Berliner Kulturlandschaft.

Erst die Sexiness dieses Magnetismus ist es doch, neben all der omnipräsenten Historie, die Berlin so anziehend macht (nun ja – pandemisch korrekt müsste es derzeit heißen: machte…) für alle möglichen Gäste und Neu-Berliner aus aller Welt. Seien es nun Touristen, die einfach unbedingt ein paar Tage hier in dieser überbordenden Vielfalt verbringen wollen. Seien es Künstler, die sich von diesem sich immer wieder aufs Neue häutenden Schmelztiegel inspirieren lassen. Seien es Leute, denen es in Wanne-Eickel zu fad wurde. Oder seien es Firmen, die ihren Mitarbeitern neben einem interessanten Job auch noch ein aufregendes Umfeld bieten möchten.

Der Autor dieser Zeilen geht übrigens in seinem unerschütterlichen Optimismus fest davon aus, dass dies in absehbarer Zeit auch wieder so sein wird – oder so ähnlich (einfach nur ganz genauso wäre ja geradezu langweilig – weil wider den wahren Spirit von Berlin…).

Dieser vielzitierte Standortvorteil Berlin: Der hat nämlich auch viel mit diesem so spannenden, so bunt schillernden, so unglaublich divers daherkommenden Angebot gerade auch der privaten kulturellen Attraktionen dieser Stadt zu tun. Die man weltweit nur zu gerne als willkommenen Beweis für Berlins Sexiness vorzeigt. Kostet ja nix…

Aber echte, aufrichtige, nicht bloß verbal geheuchelte Wertschätzung, gar verbunden mit Dankbarkeit, scheint eben gerade keine sehr weit verbreitete Kategorie zu sein in der öffentlichen Wahrnehmung privaten Engagements in dieser Stadt.

Da werden natürlich gleich wieder diejenigen vehement widersprechen, die die diversen Hilfsprogramme konzipiert und die entsprechenden Summen bereitgestellt haben. Es wurde bereits erwähnt: Das ist zwar durchaus ehrenwert, und es lindert den unverschuldet erlittenen Schmerz ein wenig – jedoch wird es die tradierte Benachteiligung gegenüber den Landesbetrieben mitnichten beenden.

Außer den direkten finanziellen und teils auch materiellen Hilfen geht es bei all dem von Anbeginn an aber ganz essenziell auch um die Kommunikation mit den privaten Attraktionen – zur Zeit mehr denn je zum Thema Perspektive und Bedingungen für den Neustart. Und da liegt doch einiges sehr im Argen.

Dies drückt sich leider besonders darin aus, dass insbesondere die Kulturverwaltung seit Beginn der Pandemie zahlreiche informations- und Abstimmungstermine zu Zeithorizonten, Hygienekonzepten, Technologiefragen u.ä. mit Theatern, Museen und anderen Kultureinrichtungen abgehalten hat. Im Unterschied zum Berliner Parlament, genauer zum Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses, der kürzlich verschiedene Vertreter des privaten Kultursektors zu sich einlud, fanden diese Treffen jedoch stets ausschließlich mit den Verantwortlichen der komplett oder überwiegend staatlich geförderten Institutionen statt.

Das liest sich dann in den Medien schon mal so, dass „die“ Intendanten der Bühnen zusammen mit dem Kultursenator z.B. beschlossen haben, dass in den Berliner Theatern nun mindestens bis Ostern nichts mehr gehen wird. Wohl wissend, dass sie dann eh schon fast wieder ihre sowieso jedes Jahr, auch ganz ohne Corona, stattfindende mehrmonatige Sommerpause erreicht haben – während derer sie sich also ohnehin bis zum nächsten Saisonbeginn im September zumindest nicht mehr um ausbleibende Umsätze scheren müssen.

Dies mag aus deren Sicht nicht nur sehr praktisch, sondern ebenso logisch, und womöglich auch legitim erscheinen. Das soll an dieser Stelle nicht bewertet werden.

Unschön ist hierbei allerdings, dass die in diesen exklusiven Runden unter Ausschluss der rein privat betriebenen Häuser gefassten „Beschlüsse“ dann wie selbstverständlich (was es aber eben keineswegs ist) immer auch für diese mitgelten sollen – ohne dass diese jedoch die Gelegenheit hatten, mitzuentscheiden, ja nicht einmal mitzureden.

Schon dies zeigt, wie wenig ernst man in diesen Zirkeln genommen wird. Für wie wenig nötig man es hält, auch den anderen da draußen fairen Zugang zu relevanten Informationen und Erkenntnissen zu gewähren.

Ihren unerträglichen Gipfel findet diese Haltung in der schier unglaublichen Tatsache, dass man erst in der vergangenen Woche staunend den Medien entnehmen durfte (und nicht etwa einer Verlautbarung des Senats), dass die Kulturverwaltung bereits seit November (!) vergangenen Jahres eine von ihr selbst beauftragte Studie ausgewiesener Fachleute in Sachen Lüftungstechnik und Aerosolverbreitung auf dem Tisch hat. Diese Fachleute bescheinigen, denselben Medienberichten zufolge, offenbar einer ganzen Reihe von ihnen untersuchter Berliner Theater (einmal darf der geneigte Leser raten, welche Theater das wohl gewesen sind…), dass die Aerosolbelastung in diesen Theatern bei Vorhandensein einer leistungsstarken maschinellen Lüftungsanlage mit 100% Außenluftzufuhr wohl nur eher gering ist, selbst bei geringeren Abständen als 1,50 m.

Da mindestens ein Leiter eines bei dieser Studie mit untersuchten Hauses (sicherlich zur großen Freude des Kultursenators) öffentlich erkennen ließ, dass ihm die Ergebnisse dieser Studie bekannt sind, darf wohl davon ausgegangen werden, dass auch alle anderen Leitungen der im Rahmen der Studie untersuchten staatlich subventionierten Häuser davon längst Kenntnis haben.

Mal abgesehen davon, dass die rein privat betriebenen Bühnen gar nicht erst gefragt wurden, ob sie ebenfalls dahingehend untersucht werden möchten (selbst wenn sie sich vielleicht an der Finanzierung hätten beteiligen sollen) – warum wurden sie nicht wenigstens im Nachhinein seitens der Kulturverwaltung in solidarischer Weise über die Existenz einer solchen Studie und deren Ergebnisse informiert? Ungeachtet der inzwischen aufgekommenen Frage, ob die Ergebnisse dieser und ähnlicher Studien durch die neu aufgetauchten Virus-Varianten möglicherweise in Frage gestellt werden könnten – oder aber vielleicht auch nicht.

Denn: COVID-19 hin, die aktuellen Virus-Mutationen her – es wird höchste Zeit, dass diese doch eigentlich nur als zynisch zu begreifende Ignoranz (denn einfach nur gedankenlos wird das bei so viel geballter intellektueller Potenz doch wohl nicht sein…?) und die unverdiente Geringschätzung, die den unter großen Opfern in einem extrem wettbewerbsverzerrenden Umfeld rein privat finanzierten Kulturbetrieben zumindest von Teilen der Kulturverwaltung ein ums andere Mal entgegengebracht wird, endlich und für alle Zeiten aufhört.

Und durch eine gleichberechtigte Teilhabe an solch grundlegenden und (über)lebenswichtigen Informationen, Treffen, Weichenstellungen und Entscheidungen ersetzt wird.

Wirklich höchste Zeit, dass es ein Ende hat mit der Behandlung der rein privat betriebenen Attraktionen als Kulturmagneten 2. Klasse – deren Magnetismus, deren die Stadt kostenfrei zierenden Glanz, deren steuerliche Wertschöpfung und wirtschaftliche Umweg-Rendite man sehr gerne mitnimmt, für deren Erhalt, Fortkommen und Zukunftssicherung man sich jedoch achselzuckend nicht zuständig fühlt. Nicht mal kommunikativ…

Sonst dürfte es schwierig werden mit der postpandemischen Renaissance Berlins als internationalem Hotspot für Touristik, Kongresswesen, Startups und sonstige Firmenansiedlungen.

Über den Autor:

Georg Strecker ist Geschäftsführer des Wintergarten Varieté und Vorstandsmitglied im INTOURA e.V.