April-Kolumne

01. April 2021

Ein Maskenball

Als ich im Jahr 1976 als Freigekaufter aus der DDR in die Bundesrepublik kam, brachte ich den festen Vorsatz mit, noch einmal zur Schule zu gehen und das Abitur zu erwerben. Fast genau ein Jahr danach stand ich, fast einundzwanzigjährig und mit Vollbart, vor dem Sophie-Scholl-Gymnasium in Berlin-Schöneberg. Meine Mitschüler in der 11. Klasse, in die ich eingeschult worden war, hielten mich anfangs für einen Referendar und fremdelten. Erst der extensive gemeinsame Besuch der Raucherecke machte ihnen klar: Wir sitzen in einem Boot.

Warum erzähle ich das? Es war meine Entscheidung, das Gymnasium zu besuchen. Ich wollte lernen. Und ich wollte „den Westen“ kennenlernen. In den Schulen, den Kasernen und den Gefängnissen eines Staates erfährt man viel über das vorherrschende Menschenbild. Unsere Lehrer, ältere und jüngere, waren redlich bemüht, uns eines Tages zu Recht das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife in die Hände zu drücken. Sie ermutigten uns, Sachverhalte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Wir lernten, uns selbständig auf die Suche nach Informationen zu machen und die gefundenen Quellen kritisch zu bewerten. Und wir erlebten den kommunikativen Wert verbindlicher Fachsprachen. Das alles war vor über vierzig Jahren. Heute stehe ich verständnislos vor der gegenwärtigen Lage in Deutschland. Wie viele Menschen hatten, wie ich, gelernt, sich frei zu informieren, kritisch zu urteilen und offen eine Meinung zu vertreten?

Wahrscheinlich stünde in der Stellenbeschreibung für Politiker, wenn es sie gäbe, daß unbedingt dazu gehört, es gegebenenfalls mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Das weiß jeder. Und wir, die wir das wissen, dürften Politiker damit nicht durchkommen lassen. Derzeit jedoch kommen sie damit ungeschoren davon. Ob es überhaupt begründet ist, von einer Covid-19-Pandemie zu sprechen, kann kaum überprüft werden. Eine Pandemie ist die weltweite starke Ausbreitung einer Infektionskrankheit mit hohen Erkrankungszahlen. Doch der Öffentlichkeit wird lediglich die Anzahl der Personen mitgeteilt, bei denen markante Teile des Covid-19-Erbguts auf der Schleimhaut gefunden wurden. Ob diese Menschen überhaupt infiziert oder gar erkrankt waren, erfahren wir nicht. Es wird regelmäßig mit einer Zahl operiert, die von Politik und Medien Inzidenzwert genannt wird. Das ist falsch. Erstens soll der wissenschaftlich definierte Inzidenzwert Neuerkrankungen in einer festgelegten Zeitspanne in derselben Personengruppe messen. Dazu müßte man also regelmäßig dieselben Menschen untersuchen. Zweitens gibt die in der Öffentlichkeit verwendete Zahl nicht, wie in der Wissenschaft gefordert, die Zahl der Neuerkrankten an, sondern die Anzahl positiv Getesteter. Wie viele davon überhaupt Symptome zeigen, erfährt man nicht. Die von Politik und Medien verwendeten Zahlen sind zufällig zustande gekommene, ausschließlich politische Zahlen und haben nichts mit Wissenschaft zu tun.

Und die auf diese Unwahrheiten gegründete Politik ist ein Desaster. Seit über einem Jahr fällt der Kanzlerin und den Ministerpräsidenten nichts anderes ein als Lockdown, obwohl schon früh sichtbar wurde, daß Lockdowns keine Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen haben. Da, wo nur auf die erfundenen Zahlen gestarrt wird, geraten die immensen Kollateralschäden aus dem Blick. Wer den Infektionsschutz als einziges Ziel verfolgt und deshalb die Wirtschaft und die Kultur des ganzen Landes weitgehend lahmlegt, wird am Ende weit größere Schäden angerichtet haben, als sie durch mehr Infektionen entstanden wären. Und es ist noch viel schlimmer. Die politisch Verantwortlichen haben das vergangene Jahr verstreichen lassen, ohne auf der Grundlage des ständig wachsenden Wissens über Covid-19 treffgenaue Maßnahmen gegen das Virus zu entwickeln. Es ist versäumt worden, alle nur denkbaren Informationen über Infizierte und Erkrankte zusammenzutragen, mit deren Hilfe Risikogruppen hätten definiert und Infektionswege hätten erkannt werden können. Anstatt neue Testkonzepte zu entwickeln, streiten sich die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten darüber, ob Mecklenburger in Mecklenburg Urlaub machen dürfen. Massenhafte Selbsttests wurden nicht in Gesundheitsämtern oder Arztpraxen verteilt, sondern preisgünstig bei Aldi verkauft. Die Corona-App schützt zwar halbwegs verläßlich persönliche Daten, hat aber ansonsten kaum praktischen Nutzen. Was bleibt von der behaupteten Notlage auf den Intensivstationen, wenn man weiß, daß im letzten Jahr aus rund 28.000 Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern bis heute etwa 24.000 geworden sind? Sind die Betten abgebaut worden? Oder sind sie stillgelegt wegen Personalmangels? Und wer sich impfen lassen möchte, scheitert häufig an den Folgen der dilettantischen Bestellpolitik.

Die „Coronapandemie“ scheint also weniger medizinische oder gesundheitspolitische Gründe zu haben. Sie ist in erster Linie das schlimmste Regierungsversagen und die schwerste Verfassungskrise der Bundesrepublik Deutschland seit 1949.

Auf Grund erfundener Zahlen, Lügen und eklatanter Fehleinschätzungen sind den Menschen in Deutschland und der deutschen Wirtschaft schwerste Schäden zugefügt worden. Warum, so kehre ich zum Anfang meiner Überlegungen zurück, regt sich gegen diese Politik nicht massenhafter Widerstand? Viele kennen das, wahrscheinlich fälschlich, Winston Churchill zugeschriebene Zitat: „Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“ Jeder kann sich die notwendigen Informationen auf vertrauenswürdigen Webseiten ergoogeln und mit Hilfe seines in der Schule erworbenen Wissens verarbeiten. Vielleicht tun das viele, halten sich aber trotzdem bedeckt? Dann hätte das Schweigen politische Gründe. Alexander Issajewitsch Solschenizyn, einer der schärfsten Kritiker des Sowjetregimes und früherer GULAG-Häftling, schrieb über kommunistische Führer einmal: „Wir wissen, sie lügen. Sie wissen, sie lügen. Sie wissen, daß wir wissen, sie lügen. Wir wissen, daß sie wissen, daß wir wissen, sie lügen. Und trotzdem lügen sie weiter.“ Die guten, freien Zeiten sind vorbei. Nur am Erhalt der eigenen Macht interessierte Politiker haben das Ruder übernommen. Sie erzeugen eine Atmosphäre der Angst, in der sich die meisten Menschen abducken und anpassen. Kritiker sind nicht mehr, wie früher, einfach nur Kritiker, sondern gefährliche Leugner und Verschwörungstheoretiker (übrigens eine in der Desinformationsabteilung der CIA erfundene Bezeichnung). Die daraus erwachsende Spaltung der Gesellschaft in Gute und Böse war in der Geschichte viel zu oft der Beginn totalitärer Herrschaft. Um dieser Gefahr zu begegnen, müssen wir uns von der Angst befreien. Verteidigen wir unsere wirtschaftliche Existenz und unser Leben gegen die Zerstörung.

Über den Autor:

Jörg Drieselmann ist seit 1992 Geschäftsführer im Stasimuseum Berlin (ASTAK e.V.), ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und Träger des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

März-Kolumne

01. März 2021

Dank Corona in die Verbotskrise

Wie wir auf Grund der Schwäche der öffentlichen Verwaltungen unserer wirtschaftlichen Existenzgrundlage beraubt werden.

Bis zur Pandemie hatte ich gelernt, dass Wirtschaftskrisen immer eine Angebots – oder Nachfragekrise sind oder auf Kriege oder Naturkatastrophen zurückgehen. Das SARS-CoV-2 Virus hat nun eine weitere Ursache hinzugefügt: eine Verbotskrise. Die Verbotskrise zeichnet sich dadurch aus, das weder auf der Angebots- noch auf der Nachfrageseite relevante Veränderungen eintreten. Im Unterschied zu den menschengemachten oder natürlichen Katastrophen ist auch keine Infrastruktur, wie zum Beispiel Produktionsstätten, zerstört worden. Wie der Name schon sagt, ist sie durch behördliche Verbote gekennzeichnet, die, wie jetzt, durch den Schutz von Menschenleben begründet werden. Natürlich ist der Schutz von Menschenleben eine nachvollziehbare Begründung, reicht aber als absolute Begründung jeglicher Art von Verboten meines Erachtens nicht aus. Die Beurteilung der Verbote sollte immer eine Abwägung zwischen dem zu erzielenden Zweck und seiner Konsequenzen beinhalten. Eine solche Abwägung findet z.Z. in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion leider überhaupt nicht statt. Bevor ich mich diesem Punkt weiter zuwende, möchte ich dem Leser zuvor die Konsequenzen der aktuellen Verbote innerhalb meiner eigenen Branche, der Jugend- und Klassenfahrten, aufzeigen.

Als Mitte März letzten Jahres sämtliche Kultusministerien Klassen- und Jugendreisen bis zum Sommer verboten, setzte eine Stornierungswelle ein, die sich, bis auf wenige Ausnahmen, auf alle Fahrten 2020 ausweitete. Immerhin versprachen die Landesregierungen in ihren Verordnungen, für entstehende Stornierungskosten aufzukommen. Allerdings hatten vielerorts die Politiker offensichtlich die Konsequenzen ihrer großzügigen Ankündigung unterschätzt. In allen Bundesländern setzte eine Antragsflut ein, die die Behörden bis heute beschäftigt. Die gute Nachricht ist: der größte Teil der Stornokosten wurde erstattet. Einige Bundesländer weigern sich allerdings, überhaupt Stornokosten zu tragen. Wehe dem, dessen Kundschaft ausschließlich oder zum größten Teil aus diesen Bundesländern kommt. Die Lehre aus 2020 für die Länder scheint zu sein: nie wieder wollen sie für Stornokosten aufkommen. Daher verbieten sie Klassenfahrten gänzlich oder schreiben ihren Schulen nun vor, nur dort Klassenfahrten zu buchen, wo sie „jederzeit kostenlos“ stornieren können. Diese Bedingung kommt einem Verbot gleich, denn kein Veranstalter, keine Gruppenunterkunft, kein Busunternehmen, selbst die Deutsche Bahn kann diese Bedingung erfüllen. Die Konsequenz ist: zumindest bis Sommer 2021 werden Stand heute keine Klassen- und Jugendfahrten stattfinden. Damit werden dann auch bei allen beteiligten Leistungsträgern keine Umsätze erzielt.

Wie viele Leistungsträger das Jahr 2021 überleben werden, werden wir im Laufe des Jahres wissen. Es ist schwer zu ertragen, dass die kommenden Insolvenzen ausschließlich auf Verbote zurückzuführen sind, denn weder haben die Leistungsträger falsch gewirtschaftet, noch ist die Nachfrage nach ihren Leistungen verschwunden. Im Gegenteil, wir hören von den Lehrern, dass sowohl die Schüler als auch die Lehrer selber gerne wieder auf Klassenfahrt gehen würden. Diese Fahrten, seien sie am Anfang, mitten drin oder am Ende einer Schullaufbahn, sind aus pädagogischer und sozialer Sicht besonders wertvoll. Welche Bedeutung diese Fahrten für Kinder und Jugendliche insbesondere nach monatelangem Lockdown haben könnten, kann sich jeder vorstellen, der eigene Kinder zuhause hat. Übertragen lassen sich diese Konsequenzen natürlich auch auf alle anderen Bereiche der Wirtschaft, die ebenfalls durch Verbote ihrer Existenzgrundlage beraubt sind: touristische Attraktionen, Gastronomie, Hotel, Einzelhandel, Messe- und Veranstaltungsbranche etc., eine vollständige Liste wäre verstörend lang.

Kommen wir nun auf die Ursache der Verbote zurück. Das Ziel aller Verbote ist die Rettung von Leben. Erreicht werden soll dieses Ziel durch eine möglichst geringe Verbreitung des SARS-CoV-2 Virus. Diese Verbreitung soll insbesondere durch Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln gestoppt werden. Soweit so gut. Allerdings wird bei den Verboten völlig außer Acht gelassen, dass das Virus nicht für alle Altersgruppen gleich gefährlich ist. Wäre es für alle gleich gefährlich, wären die bestehenden Verbote sinnvoll. Nach bisherigen Zahlen des RKI waren jedoch rund 85 % aller Verstorbenen älter als 70 Jahre alt. Darüber hinaus litt die Mehrheit an einer oder mehr Vorerkrankungen und rund die Hälfte waren Bewohner von Altenheimen. Damit stellt sich die Frage, warum wir nicht zielgerichtet die Menschen schützen, für die das Virus tödlicher ist als für andere, ohne dabei ganze Branchen an den staatlichen Finanztropf zu hängen? Die schlichte Antwort ist: die öffentliche Verwaltung ist dazu nicht in der Lage.

Einige wenige Beispiele zeigen das strukturelle Problem öffentlicher Verwaltungen auf.

Beispiel 1: Die Gesundheitsämter

Die Kontaktnachverfolgung obliegt den Gesundheitsämtern. Wie wir den Medien entnehmen können, arbeiten im 21. Jahrhundert noch immer einige von ihnen ausschließlich per Fax. Anstatt die Kontaktnachverfolgung zu digitalisieren, wird diese Aufgabe Bundeswehrsoldaten übertragen. Das dadurch die Kontaktnachverfolgung bei vielen Ämtern bereits bei 0,05 % Infizierten auf 100.000 Einwohner zusammenbricht, ist die tragische Konsequenz.

Beispiel 2: Die Bildungsverwaltung

Ein weiteres trauriges Beispiel ist die Berliner Bildungsverwaltung. 12 Monate nach Ausbruch der Pandemie gelingt es dieser nicht, in jeden Berliner Klassenraum einen Luftfilter bereitzustellen. In den beiden Schulen meiner Töchter steht nicht ein einziger dieser Luftfilter. Das Bereitstellen solcher Filter ist kein finanzielles Problem, Geld ist mehr als genug da, sondern die Inkompetenz der Verwaltung.

Stellen wir also fest, dass der Politik in der Pandemiebekämpfung scheinbar nix anderes übrig bleibt, als weite Teile der Wirtschaft einem Berufsverbot zu unterwerfen. Eine zielgerichtete Bekämpfung lassen die öffentlichen Verwaltungen nicht zu. Jetzt rächen sich die seit Jahren verkündeten, aber leeren Worthülsen unserer Politiker nach Modernisierung und Digitalisierung unserer Verwaltung und auch der Schulen. Dabei erarbeitet die Privatwirtschaft längst Alternativen. In meiner Branche haben sich die Leistungsträger bereits schon im letzten Jahr darauf geeinigt, dass Pandemiebedingt bis 72 Stunden vor Anreise, bei manchen sogar bis zum Anreisetag, kostenlos storniert werden kann. Damit wäre der momentan einzige Grund, warum eine Klassenfahrt abgesagt werden muss, abgedeckt. Den Kultusministerien wäre ihrer Angst vor erneuten Stornokosten genommen, den Lehrern und Schülern eine Perspektive für ihre Klassenfahrt gegeben, uns Leistungsträgern wieder gestattet, unseren Job zu machen. Die erarbeiteten Hygienekonzepte der Leistungsträger vor Ort ermöglichen eine sichere Klassenfahrt.

Wichtig zu wissen ist, dass bei Gruppenreisen ein gewisser zeitlicher Vorlauf von Nöten ist. Es ist deutlich einfacher, 100 Reisen kurzfristig abzusagen als 100 Reise kurzfristig zu planen und umzusetzen. Vor diesem Hintergrund sollten Klassenfahrten uneingeschränkt erlaubt sein. Denn wenn diese Fahrten erst dann wieder erlaubt sind, wenn ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung geimpft ist, dann wird es für viele Klassen und insbesondere Leistungsträger zu spät sein. Andersherum können alle Fahrten zügig abgesagt werden, sollten die Impfungen bis Sommer nicht so weit vorangeschritten sein, wie geplant.

Fazit

Das SARS-CoV-2 Virus stellt die gesamte Welt vor größte Herausforderungen. Die Antworten auf diese Herausforderung prägen unseren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Alltag. Dabei kristallisiert sich heraus, dass die Privatwirtschaft mit ihren marktwirtschaftlichen Prinzipien gut aufgestellt ist. Dank dieser haben wir 12 Monate nach Ausbruch der Pandemie weltweit mehrere zugelassen Impfstoffe zur Verfügung, sämtliche Engpässe bei Masken, Kitteln und Beatmungsgeräten sind abgebaut. Als große Schwachstellen entpuppen sich die öffentlichen Verwaltungen. Da diese mit den an sie gerichteten Aufgaben nicht hinterherkommen, bleibt der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten scheinbar nur der Lockdown mit all seinen wirtschaftlichen und sozialen Folgekosten.

Das staatliches Geld die verbotsbedingten, entgangenen Umsätze nicht monatelang ersetzen kann, dämmert ja bereits auch den verantwortlichen Politikern. Eine kurzfristige Digitalisierung und Ertüchtigung der öffentlichen Verwaltung ist unrealistisch. Daher wäre es jetzt an der Zeit, mit den Verantwortlichen der jeweiligen Branche zu sprechen und auf die Flexibilität der Privatwirtschaft, sich an neue Umstände anzupassen, zu vertrauen. Vielleicht sollte an dieser Stelle klargestellt werden: auch die Akteure der Privatwirtschaft setzen das Leben ihrer Kunden nicht aufs Spiel. Wir hatten und werden immer das Wohlergehen unsere Kunden im Auge haben. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die aber offensichtlich nicht auf allen Ebenen des Staates geteilt wird.

Zukünftig sollten wir es uns nicht mehr leisten müssen, aufgrund inkompetenter Verwaltungen unsere Wirtschaft in eine Verbotskrise zu stürzen. Darüber hinaus können wir als Unternehmen von unseren Politikern mehr Vertrauen in unsere Anpasssungsfähigkeit auch zu Zeiten einer Pandemie einfordern.

Über den Autor:

Daniel Wiegand ist Geschäftsführer von Hauptstadtreisen und Vorstandsmitglied im INTOURA e.V.

Februar-Kolumne

01. Februar 2021

Kulturmagneten zweiter Klasse? Schluss damit!

Diese Pandemie – eine sehr gute Chance wäre sie gewesen.

Nein, mehr noch: Sie war – und ist – eigentlich ein Muss…

Ja – die Pandemie und ihre enormen Kollateralschäden wären in der Tat ein imperatives Muss, um diese tradierte, unzeitgemäße, unaufrichtige Ignoranz von Politik und insbesondere Verwaltung gegenüber den rein privat finanzierten kulturellen Attraktionen dieser Stadt, die so viel zum Ruhm und Glanz Berlins beitragen, endlich aufzubrechen und diesen Institutionen die längst verdiente Wertschätzung entgegen zu bringen.

Und zwar nicht nur mit wohlfeilen Lippenbekenntnissen – sondern endlich auch mit einer spätestens jetzt dringlicher denn je gebotenen tatsächlichen, gleichberechtigten Beachtung und Einbeziehung dieser Assets bei den kulturpolitischen Weichenstellungen der Hauptstadt.

Nicht alles Tradierte muss man unbedingt in Frage stellen. Unzeitgemäßes schon eher. Was aber gar nicht geht, ist diese von Zynismus und, ja, auch von „kommunalem Egoismus“ getragene Unaufrichtigkeit.

Seit Jahren, nein, seit Jahrzehnten sonnt sich diese Stadt im Glanz dieser weltweit beachteten und bewunderten, unglaublich vielfältigen Angebotspalette an kulturellen Highlights – die ihr von wagemutigen privaten Entrepeneuren mit viel Herzblut zum Nulltarif spendiert werden. Diese nehmen dafür im unfairen Wettbewerb mit den rundum sorglos gepamperten Landesbetrieben enorme Risiken auf sich, nicht selten auch drastische Verluste – müssen sich zum Dank, neben gelegentlichem, wohlfeilem verbalen Schulterklopfen von manchen Verantwortlichen dieser Stadt jedoch oftmals eher als schnöde Profiteure brandmarken lassen. Was sie aber mitnichten sind.

Zahlreiche interessante und spannende private Museen, Theater, Ausstellungen und ähnliche Attraktionen werden dabei nicht nur von den Berlinern und den Menschen im Umland geliebt. Sondern in ganz Deutschland und nicht zuletzt eben auch in Europa und Übersee als besonders sympathische Player im Konzert dieses einzigartigen kulturellen Orchesters wahrgenommen und geschätzt.

Sie alle sind Magneten, die einen nicht zu unterschätzenden Teil des Charmes und der Anziehungskraft dieser wunderbaren Stadt ausmachen.

Wir wollen jetzt aber mal gar nicht weiter über Geld reden. Wenn auch Geld das ist, was den Kulturanbietern zur Zeit wohl am meisten fehlt. Sie sind nun dringend angewiesen auf Unterstützung durch die diversen Hilfsprogramme. Diese bescheren den einen mehr, den anderen weniger. Und lassen sie doch allesamt befürchten, dass das alles am Ende vielleicht nicht reichen wird – schlimmer noch: dass sie durch die Pandemie am Ende wohl noch viel weiter hinter die staatlich subventionierten Institutionen zurückfallen werden, als dies bisher leider schon der Fall war.

Doch gibt es noch etwas Anderes, was für sie alle von ähnlich elementarer Wichtigkeit ist: aufrichtige Wertschätzung.

Echte Wertschätzung – das wäre die tatsächliche Wahrnehmung und die dankbare Anerkennung auch ihrer Arbeit, auch ihres Engagements durch die Landespolitik und deren Verwaltung als einen gewichtigen, ja einen unverzichtbaren Beitrag zu diesem zu Recht so viel gepriesenen Magnetismus der Berliner Kulturlandschaft.

Erst die Sexiness dieses Magnetismus ist es doch, neben all der omnipräsenten Historie, die Berlin so anziehend macht (nun ja – pandemisch korrekt müsste es derzeit heißen: machte…) für alle möglichen Gäste und Neu-Berliner aus aller Welt. Seien es nun Touristen, die einfach unbedingt ein paar Tage hier in dieser überbordenden Vielfalt verbringen wollen. Seien es Künstler, die sich von diesem sich immer wieder aufs Neue häutenden Schmelztiegel inspirieren lassen. Seien es Leute, denen es in Wanne-Eickel zu fad wurde. Oder seien es Firmen, die ihren Mitarbeitern neben einem interessanten Job auch noch ein aufregendes Umfeld bieten möchten.

Der Autor dieser Zeilen geht übrigens in seinem unerschütterlichen Optimismus fest davon aus, dass dies in absehbarer Zeit auch wieder so sein wird – oder so ähnlich (einfach nur ganz genauso wäre ja geradezu langweilig – weil wider den wahren Spirit von Berlin…).

Dieser vielzitierte Standortvorteil Berlin: Der hat nämlich auch viel mit diesem so spannenden, so bunt schillernden, so unglaublich divers daherkommenden Angebot gerade auch der privaten kulturellen Attraktionen dieser Stadt zu tun. Die man weltweit nur zu gerne als willkommenen Beweis für Berlins Sexiness vorzeigt. Kostet ja nix…

Aber echte, aufrichtige, nicht bloß verbal geheuchelte Wertschätzung, gar verbunden mit Dankbarkeit, scheint eben gerade keine sehr weit verbreitete Kategorie zu sein in der öffentlichen Wahrnehmung privaten Engagements in dieser Stadt.

Da werden natürlich gleich wieder diejenigen vehement widersprechen, die die diversen Hilfsprogramme konzipiert und die entsprechenden Summen bereitgestellt haben. Es wurde bereits erwähnt: Das ist zwar durchaus ehrenwert, und es lindert den unverschuldet erlittenen Schmerz ein wenig – jedoch wird es die tradierte Benachteiligung gegenüber den Landesbetrieben mitnichten beenden.

Außer den direkten finanziellen und teils auch materiellen Hilfen geht es bei all dem von Anbeginn an aber ganz essenziell auch um die Kommunikation mit den privaten Attraktionen – zur Zeit mehr denn je zum Thema Perspektive und Bedingungen für den Neustart. Und da liegt doch einiges sehr im Argen.

Dies drückt sich leider besonders darin aus, dass insbesondere die Kulturverwaltung seit Beginn der Pandemie zahlreiche informations- und Abstimmungstermine zu Zeithorizonten, Hygienekonzepten, Technologiefragen u.ä. mit Theatern, Museen und anderen Kultureinrichtungen abgehalten hat. Im Unterschied zum Berliner Parlament, genauer zum Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses, der kürzlich verschiedene Vertreter des privaten Kultursektors zu sich einlud, fanden diese Treffen jedoch stets ausschließlich mit den Verantwortlichen der komplett oder überwiegend staatlich geförderten Institutionen statt.

Das liest sich dann in den Medien schon mal so, dass „die“ Intendanten der Bühnen zusammen mit dem Kultursenator z.B. beschlossen haben, dass in den Berliner Theatern nun mindestens bis Ostern nichts mehr gehen wird. Wohl wissend, dass sie dann eh schon fast wieder ihre sowieso jedes Jahr, auch ganz ohne Corona, stattfindende mehrmonatige Sommerpause erreicht haben – während derer sie sich also ohnehin bis zum nächsten Saisonbeginn im September zumindest nicht mehr um ausbleibende Umsätze scheren müssen.

Dies mag aus deren Sicht nicht nur sehr praktisch, sondern ebenso logisch, und womöglich auch legitim erscheinen. Das soll an dieser Stelle nicht bewertet werden.

Unschön ist hierbei allerdings, dass die in diesen exklusiven Runden unter Ausschluss der rein privat betriebenen Häuser gefassten „Beschlüsse“ dann wie selbstverständlich (was es aber eben keineswegs ist) immer auch für diese mitgelten sollen – ohne dass diese jedoch die Gelegenheit hatten, mitzuentscheiden, ja nicht einmal mitzureden.

Schon dies zeigt, wie wenig ernst man in diesen Zirkeln genommen wird. Für wie wenig nötig man es hält, auch den anderen da draußen fairen Zugang zu relevanten Informationen und Erkenntnissen zu gewähren.

Ihren unerträglichen Gipfel findet diese Haltung in der schier unglaublichen Tatsache, dass man erst in der vergangenen Woche staunend den Medien entnehmen durfte (und nicht etwa einer Verlautbarung des Senats), dass die Kulturverwaltung bereits seit November (!) vergangenen Jahres eine von ihr selbst beauftragte Studie ausgewiesener Fachleute in Sachen Lüftungstechnik und Aerosolverbreitung auf dem Tisch hat. Diese Fachleute bescheinigen, denselben Medienberichten zufolge, offenbar einer ganzen Reihe von ihnen untersuchter Berliner Theater (einmal darf der geneigte Leser raten, welche Theater das wohl gewesen sind…), dass die Aerosolbelastung in diesen Theatern bei Vorhandensein einer leistungsstarken maschinellen Lüftungsanlage mit 100% Außenluftzufuhr wohl nur eher gering ist, selbst bei geringeren Abständen als 1,50 m.

Da mindestens ein Leiter eines bei dieser Studie mit untersuchten Hauses (sicherlich zur großen Freude des Kultursenators) öffentlich erkennen ließ, dass ihm die Ergebnisse dieser Studie bekannt sind, darf wohl davon ausgegangen werden, dass auch alle anderen Leitungen der im Rahmen der Studie untersuchten staatlich subventionierten Häuser davon längst Kenntnis haben.

Mal abgesehen davon, dass die rein privat betriebenen Bühnen gar nicht erst gefragt wurden, ob sie ebenfalls dahingehend untersucht werden möchten (selbst wenn sie sich vielleicht an der Finanzierung hätten beteiligen sollen) – warum wurden sie nicht wenigstens im Nachhinein seitens der Kulturverwaltung in solidarischer Weise über die Existenz einer solchen Studie und deren Ergebnisse informiert? Ungeachtet der inzwischen aufgekommenen Frage, ob die Ergebnisse dieser und ähnlicher Studien durch die neu aufgetauchten Virus-Varianten möglicherweise in Frage gestellt werden könnten – oder aber vielleicht auch nicht.

Denn: COVID-19 hin, die aktuellen Virus-Mutationen her – es wird höchste Zeit, dass diese doch eigentlich nur als zynisch zu begreifende Ignoranz (denn einfach nur gedankenlos wird das bei so viel geballter intellektueller Potenz doch wohl nicht sein…?) und die unverdiente Geringschätzung, die den unter großen Opfern in einem extrem wettbewerbsverzerrenden Umfeld rein privat finanzierten Kulturbetrieben zumindest von Teilen der Kulturverwaltung ein ums andere Mal entgegengebracht wird, endlich und für alle Zeiten aufhört.

Und durch eine gleichberechtigte Teilhabe an solch grundlegenden und (über)lebenswichtigen Informationen, Treffen, Weichenstellungen und Entscheidungen ersetzt wird.

Wirklich höchste Zeit, dass es ein Ende hat mit der Behandlung der rein privat betriebenen Attraktionen als Kulturmagneten 2. Klasse – deren Magnetismus, deren die Stadt kostenfrei zierenden Glanz, deren steuerliche Wertschöpfung und wirtschaftliche Umweg-Rendite man sehr gerne mitnimmt, für deren Erhalt, Fortkommen und Zukunftssicherung man sich jedoch achselzuckend nicht zuständig fühlt. Nicht mal kommunikativ…

Sonst dürfte es schwierig werden mit der postpandemischen Renaissance Berlins als internationalem Hotspot für Touristik, Kongresswesen, Startups und sonstige Firmenansiedlungen.

Über den Autor:

Georg Strecker ist Geschäftsführer des Wintergarten Varieté und Vorstandsmitglied im INTOURA e.V.

Januar-Kolumne

4. Januar 2021

Wieder-Eröffnung, aber bitte richtig!

Berlin vor der Wieder-Eröffnung 2021

Nach einem schwierigen Jahr 2020 für alle Menschen dieser Stadt soll es 2021 wieder aufwärts gehen. Reisefieber wird die Menschen packen, sobald es wieder erlaubt ist, zu reisen. Berlin hat unter Deutschlands Städtedestinationen ganz sicher am meisten zu bieten, denn keine andere Metropole kann soviel Kultur und Vielfalt darstellen. Auf vier Millionen Berliner kamen 2019 rund 14 Millionen Gäste. Kongresse wird es zwar auch 2021 weniger geben, aber nach langer Bauzeit und dem Abschied von Tegel kommen Besucher nun im Südosten statt im Nordwesten an. Vom BER aus ist man in rund 30 Minuten in der Innenstadt. Anders als in Paris oder London verschwendet ein Besucher also immer noch sehr wenig Zeit seines Aufenthalts mit der An- und Abreise. Er kann Berlin auch während eines kurzen Aufenthalts genießen – wenn er will und wenn er darf.

Wer hält aber diese Stadtfreundlichkeit aufrecht? Wie wird man zwischen spanischsprechenden Menschen am Boxhagener Platz und den englischen Lauten in der Torstraße den Besucher vom Dauerbewohner unterscheiden können, um den Touristen vom Berliner kategorisierend als too much waste abzugrenzen? Wird man auch künftig jede Eventualgefahr bei Attraktionen detailliert besinnend regulieren wollen?

Provinzielle Konzepte

Wir erinnern uns an das Tourismuskonzept 2018+? Ein Problem des Tourismuskonzepts 2018+ ist, dass man nur schlafende Touristen auswertet und nicht die sich bewegenden. Ein Konzept dieser Stadt der Freiheit also, die nicht mehr frei wählen lässt, wer was wann und wo besuchen möchte. Die Reisewilligen sollen deshalb schon am Abreiseort kategorisiert werden, ob sie vielleicht junge Party-Touristen und deshalb legal ordnungspolizeilich zu erfassen sind. Berüchtigte Straßennamen wie die Simon-Dach-Straße oder Hinweise auf die Existenz des RAW-Geländes wurden auf offiziellen Karten ausradiert. Aber auch junge Menschen werden irgendwann erwachsen – und kommen vielleicht wieder, wenn sich diese Stadt zu allen gastfreundlich zeigt.

Schon 2021 wird man über jeden Besucher froh sein, der mit einem Budget von 210 Euro in Berlin unterwegs ist. Wenn es ein junger Mensch ist, der die noch geschlossenen 200 Clubs besuchen möchte, dann wird das Unwort „Overtourism“ vielleicht politisch obsolet. Die Auswirkungen der Coronakrise kommen erst noch, nämlich dann, wenn Bars und Restaurants deswegen nicht mehr öffnen, weil die versprochenen „Überbrückungshilfen“ bzw. „November-Hilfen“ als Schadenersatzgelder aus finanzieller Inkompetenz oder wegen Verstoßes gegen das Beihilferecht und in Ermangelung funktionierender Software nicht ausgezahlt werden. Wie in einer schlechten Fernsehserie wurden Abschlagszahlungen vor Weihnachten bereits mit Dollarzeichen auf den Bescheiden versehen. Wird der Euro jetzt abgelöst?

Einige Galerien hat Berlin bereits aus seinen „Mauern“ vertrieben. Irgendjemand muss aber Geld verdienen, wenn man es nicht einfach drucken kann. Alternativ könnte man das Fünftel Armutsbevölkerung und die Zahl der Wohnungslosen dieser Stadt (derzeit 37.000) zunehmen lassen. Den Winter analog zum Wort „Rassismus“ oder „Clan-Kriminalität“ auf dem Papier abzuschaffen, um auch „Kälteplätze“ nicht mehr schaffen zu müssen, wird sich in der Praxis nicht realisieren lassen. Hunderte Planstellen für städtische Angestellte sollen helfen, den orientierungslosen und digital ahnungslosen Besucher mithilfe städtischer Stelen zu lenken – die Lenkungsziele werden natürlich nur wettbewerbswidrig ausgesucht, denn staatliche Einrichtungen müssen besucht werden. Im Wettbewerb zu den privaten Einrichtungen jedenfalls, die Steuern zahlen und Arbeitsplätze schaffen, bekommen höhere staatliche Kulturlenker ein monatliches Salär von bis zu 45.000 Euro. Das hohe Gehalt zeugt davon, dass die Politik alles Maßlose versucht, um auf dem Papier den Anschein von Qualität zu erzeugen.

Zentrale Bauten

Das Humboldt Forum im Berliner Schloss wird in Kürze eröffnen. Man erinnere sich: der Bau, eine Mischung des Stils einiger provinzieller und nationaler Monarchen wurde 1950 weggesprengt. An seiner Stelle entstand das politische Symbol der DDR-Diktatur, das 2006 als Palast der (falschen) Republik asbestverdächtig niedergerissen wurde. Nun entstand wiederum an dessen Stelle das Humboldt Forum. Wie der BER und alle anderen Bauvorhaben, an denen die öffentliche Hand mitwirkt, wurde es mit zeitlicher Verzögerung vollendet und natürlich einige Millionen Euro teurer als geplant. 11 Jahre hat es gedauert und mehr als 4,7 Millionen Euro monatlich gekostet. Aber es steht und soll nun mindestens 3,5 Millionen Menschen jährlich anlocken. Örtlich ist es gegenüber der Berliner Museumsinsel angesiedelt, die bereits 2,5 Millionen Besucher anzieht. Eine Konkurrenz zum Louvre soll es werden, denn zwischen künstlerischer Freiheit und wertvollen Ausstellungen will man einen kulturellen Spagat hinlegen, der Weltformat hat. Als Ort der politischen Repräsentanz sieht sich das Humboldt Forum ebenfalls, was jedoch den freien Spagat unmöglich machen wird.

Der politische Gesinnungsstreit dazu hat etwas Belustigendes in sich und macht das riesige Gebäude einen Besuch wert. Man braucht eigentlich nur die Karl-Liebknecht-Straße zu überqueren. Es fehlen eine unmittelbare Bushaltestelle und auch ein Fußgängerübergang, weil das Verkehrskonzept solche nicht vorgesehen hat. Das Forum entstand unerwartet und überraschend aus der privaten Initiative und den unermüdlich gesammelten Mitteln des engagierten Wilhelm von Boddien. Dieser hatte seit 1992 das Konzept vorangetrieben. Das neu gefasste Tourismuskonzept 2018+ sah aber keine Touristen im Zentrum vor bzw. wollte dort möglichst wenige sehen. Die sichtbare Abwehr der peinlichen Realität hat in Berlin Tradition. Sie wird vom internationalen Besucher auch nicht durchschaut, weil er sich nicht vorstellen kann, dass er in Permanenz pädagogisiert werden soll.

Wie läuft eigentlich das Pilotprojekt Friedrichstraße, das man vor ein paar Monaten startete? Bis Februar 2021 kann man sich dort informieren. Aber keine Eile, das Projekt soll jetzt zuverlässig unzuverlässig verlängert werden. Als Besucher kann man jetzt die leere innerstädtische Fahrradautobahn zwischen Leipziger Straße und Unter den Linden genießen. Das allein ist eine Attraktion von Planlosigkeit und Unvernunft an sich. Berliner Politiker-Aussagen haben leider kein nachhaltiges Gewicht, weshalb Altmieter gehen und Neumieter sich nicht trauen, konzeptionell festgelegt anzumieten. Die Google-Frage „where to go in Berlin“ jedenfalls scheint bisher unzensiert und ungesteuert, so dass die Besucher der Stadt ins Zentrum wandeln dürfen, und zwar unabhängig davon, wohin die über hundert Stelen der Stadt offline lenken wollen. Auch die neuen Litfaßsäulen in vierstelliger Zahl haben nicht etwa access points für eine Stadt mit WLAN hervorgebracht. Das rächt sich nun, wenn die Besucher nicht auch online vollends steuerbar sind. Wo werden denn solche Entscheidungen getroffen, fragt man sich. Wie man ausschließlich in deutscher Sprache Besuchern aller Welt verständlich macht, dass sie überwacht werden jedenfalls hat diese Stadt bereits auf den Säulen vor dem Zentralgebäude vergangener Herrschaftsgebilde bekannt gemacht.

Zentrale Systeme

Man liest derzeit viel über staatliche Hilfen und über Pläne, wie die Innenstädte und Stadtteilzentren vor Verwaisung geschützt werden sollen. Hersteller von Waren müssen sich bereits Amazon unterwerfen, wenn sie ihre Produkte online verkaufen wollen. Gut ein Drittel darf der Initiator abgeben, während der Einzelhandel geschlossen ist. Gleiches gilt für touristische Attraktionen. Wer eine Idee hat und diese mit hohem persönlichem Einsatze zum Leben erweckt, ist derzeit geschlossen, wird aber künftig ebenfalls einigen Angriffen ausgesetzt sein. Neben Google mit seinen ersten Schritten hin zu digitalen Ausstellungen, die den tatsächlichen Besuch obsolet machen (sollen), greifen private Marktmonopolisten oder solche, die es werden wollen, parasitär auf Anteile der Tickets, die eigentlich die Kernideen, Mannschaften und Raum finanzieren sollen. Auch da wird nach anfänglich freundlichen Gesten die Hand entrissen, wenn man nur den Finger hergeben wollte. Eine Online-Abgabe wird dem nicht entgegenwirken. Vielmehr sollte die Zeit genutzt werden, auch agile private Initiativen zu unterstützen, anstatt zusätzliche staatliche Hürden bei Tourismus-Konzept, Stelen-Aufbau und staatlichen Ticket-Anbietern aufzubauen. Staatliche Drangsalierung und monopolistische Ausbeutung nehmen nun mehr als die Hälfte der Einnahmen weg.

2021 wird also ein spannender Überlebenskampf derjenigen, die 2020 gelernt haben, dass man den schlimmsten Fall gar nicht zu denken braucht, weil er in der Realität noch viel schlimmer sein wird. Im Jahr 2019 eröffnete Attraktionen gelten förderrechtlich als nicht-existent. Wer will da noch unternehmerisch aktiv sein, wenn Staat und private Monopolisten gleichermaßen den Untergang fördern, durch Subventionspolitik sozialisieren und Eröffnungen gar nicht erst motivieren? Lieber gar nichts tun und heldenhaft Kartoffelchips essend auf den Sofas der Republik verbleiben, als sich Blutsaugern gegenüber auszuliefern? Anfangen würde hier die Lösungssuche, wenn man diejenigen an den Tisch holt, die sich aufgrund ihrer Erfahrung und ihres persönlichen Einsatzes auskennen.

Stadt der Sünden

Das Tourismuskonzept 2018+ und deren Folgen beschäftigt sich kaum mit der Frage nach Sicherheit und Sauberkeit. Beim Thema Sicherheit reagiert die Politik mit Bürgerwehren, die sich bilden sollen, und hat die Anzahl der Callcenter-Ordnungsbeamten in den Behörden verstärkt. Diese sollen dann melden, wenn ein Tourist einen Becher Latte einfach auf der Straße entsorgt. Auch beim Thema Sauberkeit wird nicht hinterfragt, wer wirklich die Besucher der Parks sind: Einheimische oder Touristen. Es fällt schwer, den Touristen vom Einheimischen zu unterscheiden, wenn beide andere Sprachen sprechen. Man könnte glauben, dass eine hoheitliche Aufgabe auch wirkliche Sicherheit in dieser Stadt sei. Aber Berlin bleibt auch hier ganz besonders: das LADG (Landesantidiskriminierungsgesetz) ist sogleich geschaffen worden. Statt sich also ordentlich analysiert zu fragen, wer welche Straftaten begeht und sich auf die Erfahrung der Polizei zu stützen, muss diese nun beispielsweise im Görlitzer Park wie folgt Menschen prüfen: Bei 10 Personen prüft man von Kind bis Rentner w/m/d neun Personen und dann erst einen typischen Verdächtigen. Nur so ist sicherzustellen, nicht automatisch der Diskriminierung verdächtigt zu werden. Wenn wir uns schon so weit aus dem Fenster lehnen, wollen wir auch der Polizei empfohlen haben, Straftaten nur mehr als einfache Strichlisten zu zählen. Es ist unangenehm, wenn man – wie in Berlin vor einigen Jahren geschehen – die Straftaten ständig in andere Rubriken verschieben und mit Worten uminterpretieren muss. Einbrüche wurden zur allgemeinen Volksberuhigung vereinfacht als versuchte und vollendete Sachbeschädigung gezählt. Unangenehm, wenn man intime und krankhafte Morde oder Vergewaltigungen inhaltlich differenzieren müsste. Viel besser ist doch, jede Straftat als simplen Strich zu symbolisieren. Gut eine halbe Million Striche gäbe es, also ein Zehntel aller in Deutschland verübten Straftaten geschieht in Berlin. Sünde ist Sünde, und letztlich werden bei Gott sämtliche Sünden vergeben, wenn sie nicht in seinem Namen verübt worden sind. Niemand will hier genau wissen, was los ist.

In diesem politisch-provinziellen Umfeld gibt es Gott-sei-Dank die privaten Initiatoren. Berlin bleibt die schönste Stadt mit dem ewigen Potential auf Besserung! Ein guter Anfang wäre doch, nicht durch Sprache zu verändern, sondern durch Vernunft. Aufhören, den Cent zu regeln, sondern in Euro zu denken. Menschen sind nicht wegen ihrer Hautfarbe oder des Geschlechts zu quoteln, sondern man muss Chancengleichheit herstellen und Leistung wieder fördern.

Über den Autor: 

Quirin Graf Adelmann v.A. ist Geschäftsführender Gesellschafter der Muson GmbH
und Mitglied im INTOURA e.V.

Dezember-Kolumne

1. Dezember 2020

Versprechen muss man halten!

Enttäuscht und steil bergab

Ursprünglich sollten die Zwangsschließungen des November-Lockdowns mit 75% des Umsatzes erstattet werden – ohne Wenn und Aber, hieß es am 28. Oktober. Der Kanzlerkandidatenanwärter aus NRW wird ab 1. Dezember erklären müssen, weshalb entgegen seines lauthals verkündeten Versprechens jenes Oktober-Tages die neue Bundesverordnung nicht aufgehoben wurde oder warum ins Blaue hinein Versprechungen gemacht wurden. Der Berliner Bürgermeister sprach am 28. Oktober von einem harten und bitteren Tag der Entscheidung. Er wisse, welche Zumutungen und Einschränkungen für einen Monat auf die Menschen zukomme.

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November-Kolumne

2. November 2020

Ihre Majestät verspricht: Wir haben keine Mauererrichtungsabsicht

Ein Jahr des verlorenen Verstandes

Ein Virus bedroht einen kleinen Teil der Menschheit in Deutschland. Rund 10.000 unserer Mitbürger*innen sind bereits verstorben (jährlich sterben in Deutschland rund eine Million Menschen). Das ist aber noch nicht das Ende: der Prozess setzt sich in Richtung Katastrophe für alle Menschen fort. Den Menschen wird Angst gemacht. Eine Perspektive oder Strategie gibt es nicht. Bestenfalls entscheiden die Herrschaften der Exekutive aus dem Bauch heraus und nutzen ihren Verstand nur noch, um nachträglich Fehlentscheidungen zu begründen. Der November-Lockdown mag erforderlich sein, aber was dann?

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September-Kolumne

2. September 2020

Die Lichter gehen aus

Von überzogenen Maßnahmen, Steuerverschwendung und Gelddruck in Berlin

In einem Wust ungelöster Probleme forciert die Bundesagrarministerin ein Hundezeit-Bußgeld. Das politische Establishment glaubt ernsthaft, dass Unternehmen mit 59 Prozent Umsatzrückgang überlebensfähig bleiben. Wenn außerdem partielle Zahlen zu allgemeingültigen Statistiken erhoben werden, stellt sich die Frage, wohin es mit Berlin gehen soll.

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Mai-Kolumne

10. Mai 2020

Zahlen und Intellekt für die Menschlichkeit

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, aber auch im Zuge der Wiedervereinigung 1990 rückten sowohl die Entstehung als auch die Bedeutung des Grundgesetzes in das Bewusstsein vieler Deutscher. Man denke nur an die Freiheit, die sich für Menschen nach dem Ende von Kaiserreich, Diktatur und aliierten Militärregierungen zwischen 1945 und den 1960er-Jahren eröffnete: freie Entfaltung der Persönlichkeit, Meinungs- und Pressefreiheit sowie das Recht, sich zu versammeln oder Berufe auszuüben, die man tatsächlich ausüben will. In den 90er-Jahren konnten sich ganze Generationen neu erfinden – geschützt durch die Deutsche Verfassung und deren Auslegung.

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Berliner Reichstag Dom

März-Kolumne

15. März 2020

Zusammenhalt und Entscheidungen in Zeiten des Corona-Virus

Klimawandel, Migration, Corona-Krise und andere tiefgreifende Veränderungen innerhalb von Gesellschaften sind hinsichtlich der zu ergreifenden Maßnahmen immer auch eine Frage der Balance und des Timings. In solchen Zeiten wird klar, wie stark sich Verantwortungsträger, aber auch die Menschen einer Gesellschaft mit den eigentlich wichtigen Inhalten auseinandersetzen und Lösungen anstreben müssen, die den Fortbestand eines friedlichen Zusammenlebens garantieren.

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September-Kolumne

13. September 2018

Booking.com – Ein Erfahrungsbericht vom Click.2019 Event – Where travel connects 10. & 11.9.2018 in Amsterdam

um mir einen Überblick über die aktuellen Möglichkeiten und Zukunftsvisionen von Booking.com zu verschaffen, habe ich im Namen des DDR Museums, am 10. und 11. September am Click.2019 Event teilgenommen. Diese Erfahrung möchte ich gerne mit Ihnen teilen und freue mich anschließend auf kontroverse, aber vor allem konstruktive Gespräche zu diesem Thema auf den nächsten INTOURA-Veranstaltungen.

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