Potsdamer Platz mit Herz

Juni-Kolumne

1. Juni 2021

Auf nach Berlin – aber warum eigentlich?

Die Frage, warum man einen Trip nach Berlin machen sollte, stellte sich im letzten Jahrzehnt nicht. Der Spirit, das Lebensgefühl, welches nach den späten 90ern weit über die Grenzen der Stadt hinaus getragen wurde, reichte aus, um der Hauptstadt ein jährliches Wachstum zu bescheren. Berlin stand für Freiheit und Toleranz, für vielfältige Kultur & Partylocations … ein Platz für Freigeister. Das wollte man sich anschauen. Insbesondere war die vorherige Teilung und der sich daraus ergebene Kontrast aus Ost und West eine besondere Anziehungskraft. Eine Millionenstadt die sich findet. Das war spannend und man wollte dabei sein.

12 Jahre lang – beginnend mit der Fußball-WM 2006 in Deutschland – hat Berlin davon profitiert. Ein ungebrochenes Wachstum war die Belohnung dafür, dass man die Stadt hat Stadt sein lassen. Eine absolute Erfolgsgeschichte.

2018 kippte die Stimmung dann. Die Akzeptanz der Berliner gegenüber rollenden Koffern in ihren Kiezen, der zunehmende Müll auf den Straßen und in den Parks und die Lärmbelästigung durch die gastronomischen Einrichtungen und Clubs wurde kleiner. Es brauchte einen Schuldigen, um von der fehlenden Stadtentwicklungspolitik abzulenken. Der Berliner „Overtourism“ war geboren.

Wahrnehmung schlägt Tatsachen

Einige Bezirke wollten mit einem Regelkatalog für Touristen auffahren. Das klang so gar nicht mehr nach Freiheit und Gelassenheit. Ein weiterer politischer Versuch, das Geschehen in die gewollte Richtung zu schieben, war das Tourismuskonzept 2018+. Die darin enthaltenen Pläne, die Außenbezirke stärker für touristische Belange zu bespielen und die überfüllte Mitte zu entlasten, den Tourismus nachhaltiger zu gestalten (ohne zu erklären, was das genau bedeutet), die Bezirke sauberer zu machen, letztendlich auch den Partytouristen nicht mehr willkommen zu heißen, indem man sein Angebot einschränkt – zumindest das hat ja die Pandemie nun erledigt – wirkten wie ein Hilferuf der Politik. Dabei hatte man mit der (Steuergeld-finanzierten) TourimusApp „Going Local“, die Touristen gerade erst in die Kieze gelockt und mit dem Slogan „365/24“ für eine Erwartung gesorgt, die nun niemand mehr erfüllen wollte. Und, dass Müll & Lautstärke gar nicht primär von Touristen verursacht wurden, das will nun, wo die Touristen fernbleiben, auch kein Verantwortlicher offen aussprechen.

Doch was sind die Auswirkungen?

INTOURA-Mitglied Q. Graf Adelmann schrieb nach der Veröffentlichung des oben erwähnten Tourismuskonzeptes in seiner Kolumne im Mai 2018 von „Benimmregeln, die dem Touristen zukünftig vor der Abreise verabreicht werden, um den ungeliebten Partytouristen herauszufiltern und von einem Berlin-Besuch abzubringen“. Denn, so konnte man es verstehen, nur wenn man ausreichend Geld im Portemonnaie hat, an den durchschnittlich 2,4 Tagen Besuch auch Spandau und Marzahn beabsichtigt zu bestaunen und nicht in einem airbnb wohnt, ist man in der Hauptstadt willkommen. Natürlich war das sehr überspitzt von Adelmann formuliert und als „Worst Case Szenario“ dargestellt. Aber gehört es nicht auch dazu, sich Gedanken über die Auswirkungen eines solchen Papieres zu machen, über die Außenwahrnehmung und das sich daraus ergebene Image, das man damit formt?

Hat man entstandene Probleme einer Millionenmetropole hier auf den Touristen abgewälzt und diese genutzt, um den politisch gewollten Kurs einzuschlagen? Spätestens seit der Pandemie wissen alle mit Sicherheit, dass Müll & Lautstärke keine touristisch entstandenen Probleme sind. Die Straßen und Parks waren in den letzten 12 Monaten dreckiger als jemals zuvor, die Berliner Gastronomie in den Sommermonaten überfüllt und laut wie eh und je. Ganz ohne Touristen.

Wer wird Berlin zukünftig besuchen?

Nach nun 15 Monaten ohne Touristen, soll es jetzt endlich wieder losgehen. Der Partytourist wird vorerst nicht wieder kommen. Die Clubs öffnen zwar schrittweise, aber vorerst nur mit halber Kapazität. Wie die Branche dauerhaft überleben soll, ist unklar.

Während Hamburg die Stadt der Musicals ist und damit zahlungskräftige „Qualitätstouristen“ in die Stadt lockt, hat es der Hansestadt keinen Abbruch getan parallel ebenfalls eine Vergnügungsstadt mit Rotlichtmeile zu sein. Auch hat es niemanden gewundert, dass Hamburg im Pandemie-Sommer 2020 das in Deutschland beliebteste Reiseziel für Kurzurlaube war – denn die Stadt präsentiert sich bereits seit Jahren sauber & hochwertig, trotz – Vergnügungsmeile. Paris ist die Stadt der Mode, Kultur & Gastronomie. Knapp 257 EUR gibt der Tourist dort durchschnittlich pro Tag aus. Das sind weltweit die zweithöchsten pro Kopf Ausgaben (Dubai liegt bei 458 EUR) und das ist nicht einfach zufällig so entstanden. Dafür hat sich Paris unter anderem eine eigene Öffnungsstrategie des Einzelhandels ausgedacht und die Geschäfte in Teilen sonntags und bis 24h geöffnet. London ist ein internationaler Hotspot und Europas wichtigstes Luftdrehkreuz, Dubai repräsentiert Superlativen und Luxus, Bangkok das pulsierende Leben auf den Straßen, aber wofür steht Berlin heute?

Die ehemalige Partyhauptstadt, die Stadt der Politik, der Ost-West-Geschichte und die Stadt, die sich bisher einfach organisch entwickelt hat – bis man entschieden hat, dass man eingreifen muss, weil einem die Zielgruppe nicht mehr gefällt – hat kein Image mehr. Wer besucht die Stadt zukünftig? Das Reiseverhalten hat sich verändert. Städteurlaub hat nicht nur an Stellenwert verloren, sondern auch die Vermarktungsausrichtung hat sich verändert. Wälder, Seen und Platz stehen jetzt im Vordergrund der Werbung. Wie viele Touristen haben in der Vergangenheit angegeben, dass sie wegen der Baumdichte nach Berlin gereist sind oder wegen der ausgebauten Radwege in den Außenbezirken?

“Overtourism” meets Pandemie & was bleibt übrig?

Die Zahl der Touristen im Jahr 2020 ist auf das Niveau von 2001 gesunken. Eigentlich ein Anlass sich Gedanken über die zukünftige Gestaltung in Gänze zu machen. Aber man hat sich weniger damit beschäftigt, warum Besucher nach Berlin reisen möchten – wofür die Stadt steht, stattdessen hat man festgelegt, wen man in der Stadt haben möchte. Nachhaltig soll der Tourist sein, sauber und vermögend. Soweit gut. Aber woher soll dieser Vorbildtourist kommen? Wo finden wir ihn und die noch viel wichtigere Frage ist: warum sollte er nach Berlin kommen? Was hat Berlin zu bieten, was andere Städte nicht haben? Müssen wir nicht aufpassen, dass Berlin nicht zu einer beliebig austauschbaren Stadt verkommt? Brauchen wir nicht gerade jetzt einzigartige Attraktionen in der Innenstadt, statt Radwege in den Außenbezirken? Ausgestreckte Arme für jeden, der die Hauptstadt bereisen möchte, statt nur für vordefinierte Zielgruppen?

Ich bezweifle nicht, dass es der Mehrheit der Berlin-Besucher schlicht egal ist, ob sie politisch gewollt sind oder nicht. Es gibt selbstverständlich genügend Gründe für einen Besuch unserer Stadt! Aber wäre es nicht wünschenswert gewesen, dass spätestens jetzt überholte Tourismuskonzept 2018+ mit den darin falsch zugrunde gelegten Problemen vollumfänglich zu überarbeiten, statt ihm nur einen Pandemie-Anstrich zu verabreichen? Wäre es nicht an der Zeit gewesen, die Menschen außerhalb von Berlin zu befragen, wofür Berlin ihrer Ansicht nach steht, warum sich ein Besuch lohnen könnte und was sie erwarten hier zu erleben, um das in Einklang mit der Innenansicht zu bringen und unsere vorhandenen Angebote an die Vermarktungs-Strategie anzupassen?

Berlin. Auch das noch

Der aktuelle Slogan der Marketingkampagne von visitBerlin „Berlin. Auch das“ zeigte im letzten Jahr schöne Bilder von Seen, Wiesen & Radfahrern auf freien Flächen – und wer weiß, vielleicht haben wir ja Glück und der neue Ansatz, Touristen wegen seiner grünen Vielfalt nach Berlin zu locken, setzt den früheren Berlin-Boom fort…


 

Über die Autorin:

 

 

 

 

Julia Kuntz-Stietzel ist Geschäftsführerin der Marktflagge GmbH und Mitglied im Vorstand von INTOURA e.V.