Goodbye, Stadt der Freiheit!

Unternehmer Quirin Graf Adelmann v.A. hat einen etwas anderen Blick auf das neu vorgestellte Tourismuskonzept 2018+ und blickt – etwas überspitzt – in die Zukunft.


Der Berlin-Besucher als Belastung und Nutzobjekt der Umverteilung:
Das Berliner Tourismuskonzept 2018+ soll Berlin zum Vorreiter für stadtverträglichen Tourismus machen, stellt die aktuelle Situation aber falsch dar und gibt bizarre Ziele vor.

Executive Summary
Ein Konzept stellt immer eine Idee oder Initiative unter dem Einsatz von Menschen in den Vordergrund. Das Land Berlin – also der Staat – sollte sich im Bereich Tourismus zuallererst damit beschäftigen, die Infrastruktur zu verbessern und ein möglichst hohes Maß an Sicherheit für Touristen und Berliner zu schaffen.Es gilt, Berlins Image als „Stadt der Freiheit“ weiter nach außen zu tragen und bewusst den Vergleich mit anderen Städten zu wagen, um europaweit und global attraktiv zu bleiben. Berlin sollte Regionen und Menschen dieser Welt, die unsere Stadt bisher nicht im Blick hatten, ansprechen und damit innovative Ideen und Fürsprecher gewinnen, um Berlin zu ihrem neuen Lebens- und Gestaltungsmittelpunkt zu machen sowie die Akzeptanz der Berliner für ihre Besucher zu verbessern.


Das neue Tourismuskonzept 2018+ will den Touristen in seiner Qualität erhöhen und ihn zeitlich und räumlich in und auf ganz Berlin verteilen. Damit solle die gesamte Stadt von den Einnahmen profitieren und gleichzeitig die Auswirkungen einer Touristenkonzentration auf wenige und zentrale Sehenswürdigkeiten vermindert werden, so der Plan. Die Wortwahl des Konzepts erinnert aber eher an die Kommunikation in der Flüchtlingskrise, als es um Belastung und Umverteilung ging. Sie zeigt damit exemplarisch die Einstellung der Gastgeber zu ihren Besuchern.

Dabei stellt der Senat durchaus zutreffend fest, dass Berlin von Besuchern als „Stadt der Freiheit“ wahrgenommen werde und mindestens 235.000 Menschen in Berlin vom Tourismus in Vollzeit lebten. In zentralen Lagen Berlins kämen aktuell „nur“ knapp die Hälfte der Besucher pro Einwohner (9 Besucher/Einwohner) im Vergleich zu Städten wie Amsterdam, Paris oder Prag auf.

Die zuständige Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe sowie visitBerlin erarbeitete zusammen mit der Humboldt-Innovation GmbH und der dwif-Consulting GmbH das Tourismuskonzept 2018+ sowie einen Maßnahmenkatalog. Was ist demnach zu tun? Der Tourist wird als „New Urban Tourist“ bezeichnet; verschiedene Maßnahmen sollen die Besucher erziehen, steuern, überwachen und verteilen, um die Belastung für die Bevölkerung zu mindern. Aber was passiert, wenn es in Berlin zu einem weiteren Besucherwachstum kommt? Haben wir dann nicht dieselben Themen wieder auf dem Tisch? Was machen wir, wenn wir plötzlich – vergleichbar mit Amsterdam, Paris oder Prag – 17 Besucher pro Einwohner haben? Einen Besucherstopp verhängen? Wir als Arbeitgeber und Anbieter der Berliner Attraktionen brauchen Unterstützung durch Berlin bei Fragen wie Sicherheit, Infrastruktur, Sauberkeit, dem Markenauftritt Berlins international oder auch darin, Genehmigungsprozesse zu erleichtern, um frische Ideen im Bereich Tourismus & Kultur schnell, innovativ und komplikationsarm nach Berlin ziehen zu können. Wie? Dazu schweigt sich das neue Konzept nahezu vollständig aus.

Tourismus 2018+: Steuerung und Hürden

Vielmehr „bietet“ das neue Tourismuskonzept 2018+

  • die aktive Besucherlenkung in die Außenbezirke
  • neue Genehmigungshürden für die Errichtung von Beherbergungsbetrieben und Gastronomie (in zentralen Lagen)
  • eine aktive, steuernde Rolle im Qualitätsprozess der Bewertungsportale, u.a. mit dem Ziel der Preiserhöhung von Übernachtungen (Ob durch Zensur oder landeseigene Bewertungsschreiber sei vorerst dahingestellt.)
  • die gerechte Verteilung von Touristen auf die Bezirke und des damit verbundenen Erfolgs z.B. zum Schloss Britz, Schloss Biesdorf oder Zitadelle Spandau
  • die Erhöhung der Bezahlung der im Tourismus Beschäftigten
  • einen stadtverträglichen Tourismus durch Governance, qualitative Wertschöpfung, Partizipation, Monitoring & Kiez-basierte Tourismussteuerung
  • Inklusion und Barrierefreiheit
  • die Entwicklung einer verhaltensorientierten Zielgruppendefinition und somit die Auswahl und Ansprache stadtverträglicher Besuchergruppen
  • neue Partizipationsformate wie Bürgermitbestimmung und Bürgerinitiativen
  • die Einrichtung eines Frühwarnsystems bei Problemen mit Besuchern durch Bürgermeldungen
  • die zentrale Übernahme von Markenführung und Vermarktung durch das Land Berlin
  • die Entzerrung der touristischen Nachfrage (nach Saison und Tageszeiten)
  • die aktive und stadtverträgliche Mitgestaltung des Ausflugsverhaltens von Berlinerinnen und Berlinern sowie
  • das Setzen von Preisstrukturimpulsen.

Die Verbesserung der Infrastruktur in den Außenbezirken ist zu begrüßen. Sehr viele Menschen bevorzugen jedoch eine freie Reisewahl (man bedenke, dass Besucher im Durchschnitt nur noch knapp zwei Tage in der Stadt bleiben). Die Entwicklung neuer Ideen kann nicht durch Steuerung von Betrieben, Besuchern und Bewohnern der Stadt erfolgen. Besucher wollen kurze Wege in einer Stadt, sich dabei sicher fühlen, Sauberkeit und – im Idealfall – Gastfreundschaft vorfinden. Brandenburg hat die eigenen Idealvorstellungen bei Betrieben und Touristen (sozusagen wieder die Natur und das erfolgreiche Image dieser Stadt) durchzusetzen versucht, aber bereits Mitte der 90er-Jahre aufgegeben, als es versuchte, mit immensen Steuermitteln Wohnen zu dezentralisieren.


Das neue Tourismuskonzept funktioniert dann – leicht überspitzt – in der Praxis wie folgt: Ähnlich wie vor einem Flug in die USA oder Israel will Berlin seinen Besuchern am Abreiseort Benimmregeln erklären und über örtliche Gepflogenheiten aufklären, um ungeliebte Partytouristen herauszufiltern und von einem Berlin-Besuch abzubringen. Darauf aufbauend sollen Touristen durch Bewertungen von Sehenswürdigkeiten (welche die Stadt selbst erstellt oder zensiert?) in die Außenbezirke gelockt werden und „Bürgerwehren“ in einem Frühwarnsystem Standorte und Betriebe melden, in denen kein „Qualitätstourismus“ stattfindet, damit hier steuernd (Verbote?) eingegriffen werden kann.

Blaue Plakette für Tourismus?

Man könnte sich auch die blaue Tourismus-Plakette vorstellen oder gemäß dem Vorbild von Bhutan eine Besucherpauschale: Bhutan verlangt derzeit ein „Minimum Daily Package“ von 200 bis 250 US-Dollar pro Tag von jedem Besucher. Er wird dafür von Bhutan untergebracht, der Reiseführer wird gestellt und die Auswahl der Routen vorbestimmt. Letztlich – und das ist besonders bedenklich – soll der „Qualitätsbesucher“ gleichmäßig über das Jahr verteilt in Berlin ankommen und täglich nach Plan verteilt werden. Diese erfolgen z.B. durch freien Eintritt in staatliche Einrichtungen, damit sich der Besucher durch Preissteuerung gleichmäßig auf ganz Berlin verteilen lässt („Preisimpulse setzen“).

Ein derartiger Eingriff setzt Steuergelder ein, um Arbeitsplätze im Wettbewerb zu privaten Einrichtungen zu reduzieren. Die sinkenden Steuereinnahmen privater und zentraler Einrichtungen gefährden dann direkt staatliche Einrichtungen, die sich durch Steuern finanzieren. Dieses hohe Risiko nimmt Berlin in Kauf, um die „Touristenbelastung“ einzudämmen, die Berlin seit 20 Jahren am Leben erhält. Man darf ruhig ehrlich sein: Am Ende fehlt Berlin eben ein Louvre oder ein Buckingham Palace – und zwar leider auch in Britz.

Benachteiligung von nicht-staatlichen Einrichtungen

Insbesondere die privaten Einrichtungen, die nicht über öffentliche Gelder verfügen, um sich sorgenfrei auszuprobieren oder alles immer gleich zu belassen, haben aktuell mit Besucherrückgängen von 10 bis 25 % zu kämpfen. Die jüngste Analyse der Besucherströme hat ergeben, dass aktuell knapp 10 % weniger internationale Gäste im Vorjahresvergleich nach Berlin kommen und nur noch halb so lange in Berlin bleiben.

Für uns steht insofern immer im Vordergrund, dass jeder Mensch in der „Stadt der Freiheit“ eigenen Gestaltungsspielraum haben sollte, um den Besucher und Bewohner von neuen Ideen, Standorten und deren Gestaltung durch ungesteuerte Qualität zu überzeugen.

Die Frage, ob der Berlin-Tourist einen Ort besuchen darf oder „aktiv von oben“ gelenkt wird, kann nicht Teil eines staatlichen Tourismuskonzepts 2018+ sein. In diesem Sinne lassen Sie uns gemeinsam alle Tourismusakteure einbinden und die Partizipation aller Beteiligten leben, damit die thematische Auseinandersetzung in den Vordergrund rückt und keine Planung auf dem Reißbrett stattfindet. Menschen zu bestimmen und gemäß der Wortwahl, also der neuen Denkweise dieser Stadt, als Belastung einerseits und als Geldbringer zur Umverteilung andererseits zu sehen, ist in einem freien Land der falsche Weg.

Geheimniskrämerei ist nicht förderlich

In Zeiten der Transparenz und des Informationsfreiheitsgesetzes sowie der behaupteten Bürgerbeteiligungsmentalität ist erschreckend, dass ein Tourismuskonzept bei der Entwicklung geheim gehalten wurde, als wäre es ein Staatsgeheimnis. Nur Ausschnitte wurden auf Fragebögen abgefragt.
Wovor hat der Senat Angst? Vor der Realität oder vor einer ehrlichen und konkreten Auseinandersetzung mit denjenigen, die direkt mit den Besuchern arbeiten und Problemen mit Quantitäts-Trinktouristen täglich begegnen?

Ein Mensch lässt sich auch im 21. Jahrhundert nicht aktiv lenken. Er kann sich selbst aussuchen, ob er Berlin oder Deutschland interessant findet. Direktflüge nach Berlin sind ebenso schwierig wie die Sicherheit an zentralen Stätten. Der Staat muss als erstes seine Kernaufgaben wahrnehmen. Dazu gehört nicht die Steuerung der privaten Komfortbereiche der Zentrumsbewohner.

Würden Sie Prag besuchen, wenn Sie erfahren, dass die Stadt Prag den Touristen erzieht, lenkt, verteilt, überwacht und meldet? Wenn Prag Bewertungsportale beeinflusst, um Sie zu beeinflussen?

Soll der Berlin-Besucher in seinen 2-3 Aufenthaltstagen nicht möglichst viel sehen und frei und intensiv erleben dürfen? Darf der private Attraktions-Initiator keine standortunabhängigen Ideen mehr entwickeln und ausleben? Kann die Planwirtschaft nicht doch funktionieren? Sollten dann nicht auch die gesamte Wirtschaft und natürlich auch das Privatleben geplant werden? Fleischfreie Bezirke, Tempo 30 auf allen Straßen, Nachtruhe ab 20 Uhr, Alkoholverbot ab 22:00 Uhr.

Gute Nacht, Berlin. Du warst eine Stadt der Freiheit und Entfaltung.


Über den Autor:

Quirin Graf Adelmann v.A. ist mit unterschiedlichen Unternehmungen in Berlin aktiv; u.a. mit den beiden größten Musikerhäusern in Berlin Marzahn