Berlin-Tourismus neu denken

Erwartungen, digitale Anpassungen oder nicht ausreichende Zusammenarbeit? Julia Kuntz-Stietzel, INTOURA-Mitglied und Unternehmerin, wagt eine Thesen-Aufstellung zum stagnierenden Umsatz Berliner Attraktionen.

wenn wir heute über die Tourismusentwicklung in Berlin sprechen, kommt immer wieder auch die Frage auf, ob es eine Zeit nach dem Wachstum gibt. Was wäre zum Beispiel, wenn Berlin auf Grund des Nach-Vereinigungs-Zustroms verwöhnt war und dabei verpasst hat, sich eine neue Daseinsberechtigung für den vierten oder fünften Besuch zu erarbeiten? Das die positive Entwicklung endlich sein könnte, zeigt sich am heftigen Ringen aller Akteure um das bevorstehende neue Tourismuskonzept der Stadt und natürlich daran, dass längst nicht mehr alle Mitwirkenden der Branche so glücklich sind, wie sie es einmal waren. Während die Übernachtungszahlen noch immer (wenn auch langsamer) steigen, berichten die Berliner Attraktionen inzwischen nicht mehr ausschließlich von wachsenden Besucherzahlen. Woran liegt das?

These 1: Sind wir nicht „amerikanisch“ genug?
Sicherlich wird dem einen oder anderen die Reduzierung der Bezeichnung nicht gefallen, aber sind es nicht gerade die Amerikaner die uns vor allem touristisch immer wieder vormachen, dass es nicht ausreicht etwas Tolles zeigen zu können oder eine tolle Geschichte erzählen zu können, sondern man diese auch inszenieren muss? Da flackert beim Einspielen der Originaltonaufnahme eines Raketenstarts in Cape Canaveral schon einmal feuergetränkt das Außenlicht und die Scheiben wackeln als wäre man mitten drin. Oder die tägliche Krokodilfütterung im Bali Zoo wird angekündigt als „Croc Attac“. Überhaupt ist alles immer „the tallest“, „the biggest“, „the first“, …nicht, dass die Berliner Attraktionen weniger attraktiv wären, aber der konditionierte Welttourist empfindet die Aufmachung mitunter dann vielleicht doch vergleichsweise „nüchtern“.

These 2: Sind wir nicht smart genug?
Während man sich auf den touristischen Bühnen der Welt kaum der geführten Tour durch die Highlights (oder auch Semi-Highlights) einer Destination entziehen kann, so ist man in Berlin scheinbar eher auf sich selbst gestellt. Es fehlt an einem modernen, einheitlichen, touristischen Wegeleitsystem, alternativ einer umfänglichen Berlin-App oder im besten Fall einer cleveren Kombination aus beidem. Aber dafür wäre auch eine flächendeckende Versorgung mit kostenfreiem Internet ganz hilfreich. Während in New York und Hongkong selbst die öffentlichen Parks mit kostenfreiem (und schnellem) Online-WLAN ausgestattet sind, werden wir nach Datenschutz- und Denkmalschutzhürden wohl erst dann eine relevante Zahl an HotSpots in der Stadt installiert haben, wenn ohnehin jeder Tourist über eine WorldWide-Flatrate seines Mobilfunkanbieters versorgt ist.

These 3: Arbeiten wir nicht genug zusammen?
Der Eindruck mag täuschen, aber andere Destinationen scheinen deutlich geeinter aufzutreten als das die Berliner Akteure tun. Immer wieder fällt auf, dass Projekte nicht gemeinsam angegangen werden, Initiativen doppelt gestartet werden und schlicht Themen getrennt voneinander diskutiert werden. Dabei ist der Tourismus ausgerechnet einer der Bereiche, der so unglaublich von der Vernetzung der passenden Partner profitieren kann. Jeder Gastronom weiß schon lange, dass er an einem Standort mit mehreren Restaurants mehr Umsatz macht, als wenn alle in der Stadt verstreut wären. Die Touristiker dagegen diskutieren in Berlin darüber wer eigentlich mit dem Oberbürgermeister über Tourismus sprechen darf. „Zwingt“ man gezielt zwei passende Partner zusammen, so funktioniert das oft schon ganz gut. Aber mit der großen gemeinsamen Vision tun sich die Berliner noch schwer.

Dabei ließen sind mit ein wenig Zusammenarbeit gerade in Berlin sogenannte „quick-wins“ erzielen. Nehmen wir das umfassende und weltweit konkurrenzfähige Kulturangebot der Stadt. Es gibt derzeit keine Möglichkeit für einen interessierten (These 2) oder vielleicht noch unorganisierten/unschlüssigen (These 1) Touristen, das Kulturangebot in Gänze wahrzunehmen oder geschweige denn zu buchen. Ein einheitliches Ticketreservierungssystem wäre da schon sehr hilfreich. Aber es geht auch noch pragmatischer. In New York haben sich die vielen unterschiedlichen (Musical-)Theater einfach zusammengetan und eine eigene Last-Minute-Ticketkasse etabliert, eine zentrale Gästeinformation organisiert, den Zwischen- und Schwarzhandel eliminiert und mit ein wenig kommunaler Unterstützung auch noch einen prominenten Verkaufsstandort am Time Square gesichert (These 3). Über die zentrale App der Initiative wird der Gast übrigens sogar proaktiv auf besondere Angebote oder Verfügbarkeiten per „Alert“ hingewiesen.

Daher mein Appell: Lassen Sie uns den Berliner Tourismus gemeinsam neu denken. Lassen Sie uns Kooperationen zwischen den passenden Partnern schmieden und mit ganz neuen Ideen, den Tourismus unserer Stadt weiterentwickeln, wie es einer europäischen Metropole gerecht wird.


Über die Autorin:


Julia Kuntz-Stietzel
ist Geschäftsführerin der Marktflagge GmbH sowie Vorstandsmitglied im INTOURA e.V.

 

 

 

 

Februar 2018