Meinung von Julia Kuntz-Stietzel
Was ist los mit Berlin?
Vom Mythos der improvisierten Metropole – und dem realen Bedeutungsverlust touristischer Erlebnisräume
Berlin war nie eine Stadt der großen Masterpläne. Ihr Reiz lag im Unfertigen, im Wilden, im Unberechenbaren. In ihrer Unplanbarkeit wurde sie zur Projektionsfläche für Kreative, Gründer, Aussteiger, Visionäre. Vieles, was hier erfolgreich wurde, ist nicht entstanden, weil es perfekt geplant war – sondern obwohl es nicht geplant war. Diese Eigenlogik der Improvisation war lange eine Stärke. Vielleicht sogar die größte.
Doch diese Stärke wird zunehmend zur strukturellen Schwäche. Denn in dem Moment, in dem Berlin als Stadt an Komplexität gewinnt – wachsend, verdichtet, im internationalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit, Kapital und Talente – reicht das Prinzip Hoffnung nicht mehr. Der Mythos vom „Irgendwie geht’s schon“ beginnt zu bröckeln. Und nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie im Markt der touristischen Attraktionen.
Wenn der Mythos nicht mehr trägt
In den vergangenen anderthalb Jahren haben sich auffallend viele Anbieter aus Berlin zurückgezogen oder mussten schließen. Namen wie das Paradox Museum, das Cold War Museum, Little BIG City, TimeRide, Sea Life oder die Blue Man Group sind verschwunden – still, leise, ohne nennenswerte öffentliche Debatte.
Zugegeben: Über gute oder schlechte Attraktionen kann man streiten. Und ja – es sind auch neue Formate hinzugekommen. Doch entscheidend ist: Berlin galt lange als sicherer Hafen für Erlebnisanbieter. Denn Touristen gelten als dankbares Publikum – konstant, neugierig, zahlungskräftig. Wenn selbst dieser vermeintliche Grundkonsens ins Wanken gerät, muss man sich fragen: Funktioniert Berlin nicht mehr?
Keine Planung. Kein Anspruch. Kein System.
Dass ausgerechnet bei der Wiedereröffnung des Berliner Fernsehturms – eines der wichtigsten Wahrzeichen der Stadt – das Kassensystem am ersten Tag zusammenbricht, ist mehr als eine Panne. Es ist ein Sinnbild. Online-Tickets? Nicht verfügbar. Informationen zur Wiedereröffnung? Fehlten auf der Website. Wer kam, traf auf Warteschlangen, Ratlosigkeit und Unklarheit – und das bei einer der meistbesuchten Attraktionen Europas.
Der Fernsehturm wurde damit zum Spiegel eines größeren Problems: fehlender Anspruch, fehlende Abstimmung, fehlendes Verantwortungsgefühl. Was früher als sympathisches Chaos durchging, wirkt heute wie professionelle Gleichgültigkeit.
Attraktionen sind kein Beiwerk – sie sind Indikatoren
Dass Erlebnisangebote verschwinden, ist kein Nebenschauplatz. Es ist ein Alarmsignal. Denn touristische Attraktionen sind mehr als unterhaltsames Beiwerk – sie sind Seismografen. Sie zeigen, ob eine Stadt offen ist für Innovation. Ob sie Gästen etwas zu erzählen hat. Ob sie mit privatwirtschaftlichem Engagement konstruktiv umgehen kann. Wo Erlebnisformate keinen Bestand mehr haben, verschwinden nicht nur Angebote, sondern auch Narrative, Besucherströme, Lebensgefühl.
Berlin verliert mit jeder geschlossenen Attraktion ein Stück seines touristischen Ökosystems – und damit auch seiner Relevanz.
Verwaltung statt Haltung
Dass Berlin diesen Trend kaum kommentiert, ist Teil des Problems. Tourismus wird politisch oft nicht als Querschnittsaufgabe verstanden, sondern als Belastung. Er wird nicht gestaltet, sondern verwaltet – und das meist schlecht. Wer heute in Berlin eine neue Attraktion plant, sieht sich mit einem undurchsichtigen System konfrontiert: Genehmigungsprozesse ohne zeitliche Verbindlichkeit, wechselnde Ansprechpartner, konkurrierende Behördenzuständigkeiten, kaum unterstützende Kommunikation – und null Standortstrategie.
Und: keine Plattform, auf der sich Verwaltung und Wirtschaft überhaupt begegnen könnten. Denn eine aktive touristische Stadtpolitik findet – jenseits von Fördermitteln und Imagebroschüren – kaum statt.
Berlin braucht keine Kontrolle. Aber Richtung.
Niemand fordert, Berlin in eine durchgeplante Themenpark-Metropole zu verwandeln. Diese Stadt lebt von ihrer Bruchkante, ihrer Unfertigkeit, ihrer Diversität. Aber sie braucht Orientierung. Einen Rahmen. Eine Haltung. Und endlich wieder einen aktiven politischen Gestaltungswillen, der sagt: Erlebnisformate gehören zur kulturellen und wirtschaftlichen Identität Berlins – und sie sind willkommen.
Denn andere Städte schlafen nicht. München, Hamburg, Leipzig – und selbst mittelgroße Städte wie Essen oder Mannheim – entwickeln touristische Strategien, führen öffentliche Räume neu zusammen, sprechen gezielt Investoren und Erlebnismacher an. Berlin hingegen scheint sich auf seinem Image auszuruhen – und merkt nicht, dass es leise verblasst. Und das vor dem Hintergrund, dass sich Berlin doch eigentlich mit den anderen Metropolen der Welt wie London, Paris oder New York vergleichen sollte, als mit seinen ohnehin touristisch deutlich kleineren Destinationen innerhalb Deutschlands.
Berlin verliert nicht, weil es sich verändert. Berlin verliert, weil es sich nicht entscheidet.
Wenn Berlin nicht aufpasst, wird es zur Stadt der verpassten Chancen. Nicht, weil es zu wenig Kreativität gäbe. Sondern weil niemand sie mehr ernst nimmt. Wer bleibt, bleibt trotz Berlin. Nicht wegen Berlin.
Man könnte das ändern.
Die Autorin:
Julia Kuntz-Stietzel, Mitglied des INTOURA e.V.
Geschäftsführerin Wheel Berlin GmbH & Co. KG

